Liebe unter Druck

Wenn man gelegentlich im Netz nach japanischer Fotografie fahndet, tauchen seit einigen Jahren immer wieder auffällige eingeschweißte Paar-Porträts auf. Irgendwie verrückt, extrem ... befremdend. »Typisch japanisch – beengt, wie man sich auch die Wohnverhältnisse vorstellt« Als ich erfuhr, dass diese Arbeiten mit einer PENTAX 645Z fotografiert wurden, war ich natürlich sofort angefixt und begann zu recherchieren:

Die Arbeiten stammen von dem Tokioter Werbe-Fotografen Haruhiko Kawaguchi, der sich Potograher HAL nennt – das nicht nur, um international leichter merkbar zu sein – hier steckt auch eine Anlehnung an den Bordcompter HAL auf Kubricks legendärem Film ›2001: Odysee im Weltraum‹ drin – sondern vermutlich auch, um seine freien Arbeiten von den Auftrags-Arbeiten zu unterscheiden.

Ursprünglich studierte der 1971 geborene Kawaguchi KFZ-Fertigungstechnik, um wie sein Vater in der Automobilindustrie Roboter zu entwickeln. Auf einer Reise am Ende seines Studiums lernte er aber die kommunikative Kraft der Fotografie kennen; der schüchterne Japaner lernte über das Fotografieren Kontakt zu fremdsprachigen Menschen aufzubauen. Mit dieser Erfahrung begann er nach seinem Studium in und für Werbeagenturen zu arbeiten.

// HARUHIKO (Photographer HAL) KAWAGUCHI  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Haruhiko Kawaguchi oder auch Photographer HAL inszeniert sich selbst in der Serie ›Flesh Love‹ ...

www.photographerhal.com

›Couple Jam‹

Es dauerte einige Jahre, bis er ein Thema entwickelte, das ihn offensichtlich seitdem nicht loslässt: Die Beziehung zwischen zwei Menschen bzw. ›Liebe, wie sie wirklich ist‹ (»I want to capture love as it really is«). Dabei benutzte er urspünglich die Badewanne als ideale Voraussetzung Paare so zusammenzubringen, dass sich aus dem Bild ihre Liebe herauslesen lässt. Im Grunde ein künstlerischer Forschungsauftrag – nur, dass er seine ›Probanten‹ nicht zwischen zwei Glasplatten quetscht und durchs Mikroskop beobachtet, sondern in eine größere Version einer Petri-Schale setzt und ganz sachlich streng von oben fotografiert. Bei aller kühlen und rationalen Herangehensweise ist so ab 2009 die Serie ›Couple Jam‹ entstanden, die schon durch die Auswahl  der Paare und deren zwangläufigen Verrenkungen sehr fasziniert: Im Gewirr der Extremitäten suche ich irritiert nach der Zuordnung von Kopf und Körper, um die beiden Einzelpersonen für sich erst mal zusammenzusetzen. Erschwerend kommt dazu, dass japanische Badewannen offensichtlich verdammt klein sind und ich bei den Edelstahl-Versionen kurzzeitig vermutet habe, dass das Abwaschbecken sein könnten ... unfassbar.

Aber die Idee der Kompression, also Paare wirklich eng zusammen zu bringen, erfuhr zwei Jahre später noch eine Steigerung: Photographer Hal begann die Paare in Folie einzuschweißen. Handwerklich simpel nahm er eine handelsübliche Folientasche für die Aufbewahrung von Bettzeug, packet die Paare hinein und saugte daraus mit einem Staubsauger die Luft ab. Damit wollte er den Fokus noch stärker auf das Verbindende der Liebe setzen – offensichtlich geht er dabei davon aus, dass ein derartiges Experiment nur durch wirklich starke Liebe ausgehalten werden kann und das diese Bilder diesen Moment für die Ewigkeit bewahren. Mir fällt nur schwer, das diesen Bildern anzusehen ... das Motiv des Einschweißens mit der Idee des Bewahrens zu verbinden scheint  ganz folgerichtig. Dass aber damit der Liebe ein Denkmal gesetzt wird, finde ich schwer nachzuvollziehen. Und diese Zweifel bestätigt ein Selbstversuch der Spiegel-Autorin Heike Sonnberger, den man hier nachlesen kann: ›In Liebe verschweißt‹. (> Video) Schon der Name der Serie:

›Flesh Love‹

bringt die Assoziation blitzschnell ins Supermarktregal mit dem eingeschweißten Geflügel. Und selbst wenn man da nach einer Familienpackung Hähnchen schauen würde, käme man wohl kaum auf die Idee an Liebe zu denken.

Eine derart faszinierende Optik ist logischerweise auch für die Werbung außergewöhnlich reizvoll. Während HAL üblicherweise mit tatsächlichen Paaren, die er in Kneipen, auf der Straße oder ansonsten öffentlich anspricht, gibt es auch Serien mit Modellen, die gezielt für z. B. Kondome Werbung machen: ›Preserve your Love‹.

Mich hat an dieser Serie besonders erschreckt, dass man im Gewimmel der Dinge die Menschen nicht nur übersehen kann, sondern sie durch das Einschweißen kaum mehr als Persönlichkeit erkennbar sind– sie werden irgendwie auch zum ›Ding‹.

In einer weiteren Serie (2014) bat er die Eingeschweißten persönliche Dinge mitzubringen, die man so vermutlich auch unbedingt auf die oft zitierte Insel mitnehmen würde. Die Serie:

›Zatsuran‹

erinnert zwar auch irgendwie an Grabbeigaben, aber da bekannt ist, das bisher alle fotografierten Paare das Set unbeschadet verlassen konnten, ist das glücklicherweise nur eine unsinnige Assoziation. Übrigens war eine spannende Erkenntnis des Fotografen, dass eher die Männer in Panik geraten sind – die Frauen waren stets um die Perfektion ihrer Selbstdarstellung bemüht.

›Flesh Love Returns‹

Deutlich  persönlicher wird die Serie ›Flesh Love Returns‹. Hier durften sich die Paare die Orte aussuchen, an denen dann fotografiert wurde. Das waren oft die eigenen vier Wände oder aber auch der Ort, wo sich die beiden kennenglernt haben. Hier ist der Aufbau nicht mehr klinisch sondern durch Situation und Haltung ist der Porträt-Charakter erheblich individueller und erzählt sehr viel mehr über die Porträtierten. Diese Serie entstand etwa ab 2014 in Japan, Hong Kong, den Niederlanden und Belgien. Dies hängt mit den verschiedenen Ausstellungen zusammen, die z. B. beim renomierten Fotofestival UNSEEN / Amsterdam oder in Antwerpen zu sehen waren. Vertreten wird photographer HAL in Europa durch die Galerie IBASHO.