AUTOR // MICHAEL BRAUNS

Zur Anpassung ihres neuartigen Korrektursystem kam Jobo in der Endphase der Entwicklung auf RICOH IMAGING zu, um für die PENTAX 645Z einen bzw. mehrere Beta-Tester zu finden. Da ich ohnehin schon mit dem Problem der stürzenden Linien befasst war (siehe Artikel Shift-Objektive) war es für mich spannend die optischen und elektronischen Korrekturmöglichkeiten zu testen. Hier jetzt meine Überlegungen und Erfahrungen zu dem Jobo LensTrue-System:

JOBO LensTrue-System – eine Alternative?

Die klassische Perspektivkorrektur erfolgt per Shift-Objektiv direkt bei der Aufnahme. Ein unbestrittener Vorteil ist hier die Möglichkeit, den Bildausschnitt und die Bildwirkung direkt bei der Aufnahme beurteilen zu können. Man baut sein Stativ auf, richtet alles ein, und bekommt ein direktes Ergebnis. Freihand mit einem Shift-Objektiv zu arbeiten ist bei statischen Motiven schon schwierig, bei Street- oder People-Fotografie praktisch unmöglich. Die Software-Perspektivkorrektur in Bildbearbeitungsprogrammen kann da eine Alternative sein, jedoch sind Strukturen im Bild nötig, an denen sich eine manuelle oder automatische Korrektur orientieren kann.

Dieses Problem umgeht man mit dem LensTRUE-System der Fa. JOBO. Es erfasst bei der Aufnahme die Ausrichtung der Kamera über Sensoren und speichert diese in einer Datei ab. Am Rechner werden dann die Bilder mit der Lageinformation der Kamera zusammengeführt. Als ›Bindeglied‹ dient die Aufnahmezeit, die in den Exif-Daten des Bildes und der Lageinformation enthalten sind. Die Uhrzeit in der Kamera und dem LensTRUE-Meter (Der Sensorbox unter der Kamera) muss vor der ersten Benutzung natürlich synchron eingestellt werden. Getriggert wird das JOBO LensTRUE-Meter über den Blitzauslöser der Kamera. Die automatische Perspektivkorrektur erfolgt dann in der Software LensTRUE-visualizer, die zusätzlich auch noch manuelle Eingriffsmöglichkeiten erlaubt.

 

JOBO LensTrue / PENTAX 645D

Das JOBO LensTRUE System

Das JOBO LensTRUE-System besteht aus einer kleinen Box in der die hochsensiblen Gyrosensoren eingebaut sind, die man am Stativanschluss unten an die Kamera anbaut und mit einem mitgelieferten Kabel anschließt. An einer 645Z betrieben, lässt sich das JOBO LensTRUE-System bei allen Verschlusszeiten triggern, da es über eine Kamera-Schnittstelle angesteuert wird. Bei der 645D (Bild) hingegen muss der Blitz-Synchronanschluss genutzt werden, der nur eine kürzeste Zeit von 1/125s zulässt. Dies schränkt die Freiheit mit diesem System auch ohne Stativ arbeiten zu können zunächst minimal ein. Aber auch dafür gibt es Lösungen, die ich hier vorstelle.

 

Pentax645 75mm Zentralverschluss-Objektiv

Eine naheliegende Möglichkeit ist die Nutzung eines Objektivs mit Zentralverschluss. Für das 645er System gab es sehr gute manuelle 75mm Leaf-Shutter Objektive, die eine Synchronisation bei allen verfügbaren Verschlusszeiten am Objektiv bis zur 1/500s erlauben. Das Trigger-Signal wird dabei am Synchronanschluß direkt am Objektiv abgenommen. Am LensTRUE-System, wie es seit mehreren Jahren vertrieben wird, hätte diese Kombination allerdings auch noch nicht funktioniert. Das hier gezeigte ältere Leaf-Shutter-Objektiv ist nicht in der Kamera- und Objektiv-Datenbank (mit Informationen zur autom. Verzeichnungskorrektur) des Systems enthalten. Damit hätte sich das System für diese Linse gesperrt und auch keine Perspektivkorrektur zugelassen. An dieser Stelle möchte ich ein herzliches »Dankeschön« an Herrn Bockemühl (JOBO) und das Entwicklerteam des LensTRUE-Systems loswerden. Dort war man sehr aufgeschlossen gegenüber meinem Wunsch, das System auch für nicht eingemessene Objektive zu öffnen. In der aktuellen Software, auf die man einfach updaten kann, ist diese Möglichkeit nun integriert. Sind keine Daten für das verwendete Objektiv hinterlegt, wird man zur Eingabe von Brennweite und Aufnahme-Abstand aufgefordert. Damit ist nun auch eine automatische Perspektivkorrektur bei Linsen realisierbar, die nicht in der Datenbank sind. Eine automatische Verzeichnungskorrektur ist hier dann nicht möglich. Verwendet man eingemessene Objektive, werden diese natürlich weiterhin automatisch über die Exif-Daten erkannt und es erfolgt eine vollautomatische Korrektur von Perspektive und Verzeichnung.

Hier aber zunächst ein Bildbeispiel mit dem Pentax645 75mm Leaf-Shutter:

JOBO LensTRUE angesteuert über Priolite Auslöser

Die Lösung mit dem Leaf-Shutter Objektiv ist allerdings auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Man hat keinen Autofokus und mit 75mm Brennweite ist man für die Aufnahme großer Objekte auch nicht optimal aufgestellt. Vor einiger Zeit hatte ich mich schon mit dem Thema ›High-Speed-Sync‹ befasst und den Funkblitz-Auslöser von PrioLite entdeckt. Dieser bietet neben der Funkauslösung auch die Möglichkeit, über ein 3,5mm Klinkenkabel Blitzgeräte anzusteuern. Damit sind dann, bei Verwendung eines entsprechenden High-Speed- oder Super-Sync-Blitzgerätes, alle Zeiten bis hin zur 1/4000s nutzbar. Diesen Kabelanschluss des PrioLite-Auslösers nutze ich nun zum Triggern des LensTRUE-Systems.

Dieses Konstrukt macht die Kamera zwar nicht kleiner, sie ist aber immer noch gut zu handhaben. Man hat so auch mit der 645D die Möglichkeit, frei Hand automatisch korrigierte Bilder zu erstellen, und das mit allen Verschlusszeiten. Diese Lösung habe ich mit verschiedenen Pentax645 AF-Objektiven getestet. Es funktioniert z. B. mit dem gezeigten 28-45mm, ebenso wie mit dem 55er, oder dem 150mm. Bei Verwendung von adaptierten MF-Linsen begrenzt allerdings auch dieser Auslösemechanismus bei der Synchronzeit von 1/125s.

Hier als Beispiel Hochzeitshaus und Marktkirche in Hameln, jetzt mit dem 28-45er bei 28mm Brennweite frei Hand aufgenommen und mit LensTRUE automatisch korrigiert.

Ein bisschen üben muss man mit dem LensTRUE-System aber auch. Nach der Perspektivkorrektur ist ein Beschneiden des Bildes notwendig, dafür muss natürlich genug „Fleisch“ vorhanden sein. Je nach Winkel, um den man die Kamera neigt, muss man mehr oder weniger Verschnitt um das eigentliche Objekt einkalkulieren, wie das folgende Beispiel zeigt:

LensTRUE mit adaptiertem Carl Zeiss Jena 300mm

Das LensTRUE-System erlaubt es, Brennweiten einzusetzen, die es nicht als Shift-Version gibt. Es ermöglicht perspektivkorrigierte Aufnahmen, die weder mit konventionellen Shift-Objektiven noch mit Software-Korrektur in Bildbearbeitungsprogrammen möglich wären. Das folgende Bild ist ein schönes Beispiel: Es wurde mit einem 300mm Carl Zeiss Jena aus ca. 100 m Distanz aufgenommen. Es enthält keine senkrechten oder waagerechten Strukturen, an denen man sich bei einer Perspektivkorrektur in Bildbearbeitungsprogrammen orientieren könnte.

Fazit

Ein tolles Werkzeug! Es ermöglicht mir eine Perspektiv-Korrektur in Aufnahmebereichen, die mit Shift-Objektiven umständlicher oder unmöglich waren, zum Beispiel der Street-Fotografie. Die Möglichkeit, verschiedene Brennweiten einsetzen zu können, erweitert das Spektrum zusätzlich in Richtung Telebereich. Die Frage nach einer Einbuße an Bildqualität durch die Software kann ich noch nicht wirklich beantworten – hier fehlen mir noch direkte Vergleiche. Allerdings ist der Wegfall der Randbereiche durch den Beschnitt natürlich schon eine Qualitätseinbuße, die generell in Kauf genommen werden muss. Subjektiv lieferte die Kombination LensTRUE+28-45mm besonders in den Randbereichen bessere Ergebnisse (Schärfe und CA) als die klassischen Shift-Objektive, deren Vergütungen noch nicht für digitale Fotografie gedacht waren.