›DABU‹ – die alten Frauen der Mosuo.

// KAROLIN KLÜPPEL  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

»Ich möchte mich nicht über die Kultur stellen, ... schon gar nicht Kultur erklären ...«

Eine Arbeit wie diese sieht sie als Porträt. Nicht nur als Serie von Porträts besonderer Frauen einer besonderen Kultur. Sondern die gesamte Arbeit ist ein Porträt von Frauen in einer besonderen Kultur. Eine Arbeit, die einen strengen Zusammenhalt im Formalen hat: Ruhige, solide Kompositionen, viel vorgefundene Farbe und immer ein ganz besonderes Licht sind die Bühne für die Mosuo Frauen.

Es ist ihr Blick auf Menschen, die sie kennengelernt hat, auf die sie neugierig ist und für die sie sich auf den Weg gemacht hat, um Bilder von Ihnen zu machen.

 

»Ich bin da hingefahren, solange man von dieser Kultur noch etwas sieht ...«

›Die Mosuo sind ein chinesisches Volk, das im südwestlichen China am Ufer des Lugu-Sees wohnt. Man schätzt es gibt noch etwa 40.000 Angehörige – dieses Volk hat keine eigene Schrift, geniesst nicht den Schutz der Regierung und ist daher in seinem Bestand gefährdet. Dieses Volk ist matrilinear organisiert: Sie leben in Großfamilien und jede Familie hat eine Frau als Haushaltsvorstand, die die geschäftlichen Entscheidungen regelt. Gleichzeitig verrichten Frauen die wesentlichen Arbeiten von der Feldarbeit bis hin zu allen wichtigen Haushaltstätigkeiten. Die Mosuo kennen keine Ehe im Sinne eines Zusammenlebens von Mann und Frau. Männer bleiben über Nacht und kehren am Morgen wieder in ihre gebürtige Großfamilie zurück.‹ ... wenn Karolin Klüppel von ihrem Projekt ›Dabu‹ erzählt, ist man unwillkürlich an die Entdeckungsreisen des 19. Jahrhunderts erinnert, wo Reisen und neugieriges Entdecken der Fremde mit dem Festhalten durch Fotografie ganz selbstverständlich einhergeht. Man fuhr los und hatte nur eine sehr vage Vorstellung von den sogenannten weißen Flecken auf der Landkarte. In dieser Form ist das heute zwar unvorstellbar, da man schon vorab bei Wikipedia & Co. vermeintlich bestens informiert wird. Aber Karolin Klüppel will es selber sehen und erkennen. Und fotografieren. Ohne vorgegebenes Konzept und schon gar nicht mit einem Auftrag. Es sei denn, man betrachtet ihren inneren Impuls der Neugierde als selbstauferlegten Auftrag.

Und dann sind da noch die Bilder von räumlichen Gegebenheiten, die einen Rahmen bilden und mit unendlicher Detailfülle die vielen kleinen Geschichten des Alltags erzählen. Es sind Dinge, die in ihrem Zusammenhang zwar Stilleben bilden aber darüberhinaus auf einfache Weise das tägliche Leben beschreiben. Was soll man schreiben, wenn Photographien so viel sagen:

In diesen klaren Bildern, die es einem leicht machen sie zu lesen, steckt nicht nur das exotische der Fremde sondern merkwürdigerweise auch etwas Vertrautes, Bekanntes. Das kann daran liegen, dass Karolin Klüppel bei ihren Projekten sich sehr viel Zeit nimmt, umd sich mit den Orten und Menschen vertraut zu machen. Hier geht es nicht um Tage sondern um Wochen und Monate. In jedem Bild steckt eine kleine Ewigkeit – aus jedem Bild strahlt die Ruhe einer konzentrierten Arbeit. Und das sieht man in jedem Blick auf Details und in den Blicken der Frauen auf den Bildnissen.

Diese Geduld, diese ruhige Intensität, ist ein auffälliges Merkmal dieser aber auch einer weiteren Serie, die Karolin Klüppel einige Jahre zuvor begonnen hat: ›Kingdom of Girls‹ oder ›Mädchenland‹. Dass diese Bilder neben vielen anderen Publikationen wie z. B. in der New York Times oder im Zeit-Magazin vor allem auch in der National Geographic veröffentlicht wurde, ist kaum verwunderlich. Ist dieses Magazin doch die Mutter der Entdeckungsreisen und deren Veröffentlichung. Und in diesem Rahmen fügen sich die Arbeiten von Karolin Klüppel nahtlos an Arbeiten bekannter Kollegen wie z. B. Steve McCurry an: In ihrer Eindringlichkeit, ihrer unprätentiösen Empathie scheinen sie einer großen Menschenliebe zu entspringen. Nur, dass die jüngere Kollegin mit ihrer Bereitschaft Inszeniertes zuzulassen, den Rahmen der Reportage im strengen Sinne von klassischen journalistischen Regeln weiter ausdehnt: Aber Entdeckungen bleiben es immer ...

Zu dieser Serie gibt es auch ein Buch, dass man hier bestellen kann: → karolinklueppel.de. Diese Arbeit entstand in einem kleinen nordindischen Dorf im Kulturkreis der Khasi, einer matrilinear organisierten Volksgruppe. Ähnlich wie bei den Mosuo spielen Frauen hier eine besondere Rolle innerhalb der Gesellschaft und die Mädchen werden hier gegenüber den Jungen bevorzugt. In diesen Bildern steckt ein besonderer Zauber durch die  nahe Vertrautheit zwischen den Mädchen und der Fotografin. Oft entstanden diese Bilder aus dem Spiel der Kinder heraus und erinnern so an ein indisches ›Alice im Wunderland‹.