// PEPA HRISTOVA

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(geboren 1977 in Bulgarien) lebt in Hamburg. Sie studierte Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie bei Prof. Ute Mahler an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg. Die Fotografin hat an zahlreichen Serien über Osteuropa gearbeitet: Sie fotografierte die muslimisch-türkische Minderheit in Bulgarien und die ›Sworn Virgins‹ – albanische Frauen, die aufgrund eines uralten Ritus in einer männlichen Identität leben. Hristova erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u. a. 2008 den C/O Berlin Talents Preis, 2009 den Otto-Steinert-Preis für subjektive Fotografie, das Stipendium der Akademie der Künste Berlin, 2010 das Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung. Ihre Arbeiten wurden u. a. in den Deichtorhallen Hamburg, bei C/O Berlin und der Akademie der Künste Berlin ausgestellt.

www.pepahristova.com

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›Die verkaufte Braut‹

In Bulgarien, einem Land, das 2007 der EU beigetreten ist, haben sich bis heute Traditionen erhalten, die dem aufgeklärten Westeuropäer merkwürdig erscheinen müssen. Ein besonderes Beispiel dafür sind die Brautmärkte, die in verschiedenen Städten regelmäßig stattfinden und auf denen junge Frauen von ihren Eltern verkauft werden. Das Projekt „Die verkaufte Braut“ bietet dem Betrachter die Gelegenheit, diesem archaischen Ritual, das im völlig Verborgenen stattfindet, beizuwohnen.

Will ein orthodoxer Roma heiraten, kann er die passende Braut erwerben – wie eine Hochzeitstorte oder das Blumenbouquet. Ganz am Rande der Legalität, mehr geduldet als gestattet, hält die Minderheit der christlichen Roma in Bulgarien unvermindert an einem Brauch fest. Auf Heiratsmärkten, die mehrmals im Jahr stattfinden, bieten Eltern ihre jungen Töchter an. Es geht dabei auch um Liebe, vor allem aber um sehr viel Geld. Wenn zwei junge Menschen heiraten wollen, dann müssen die Eltern des Bräutigams Tausende von Euros aufbringen. Das Geld geht nicht als Mitgift an das Brautpaar, sondern bleibt als eine Art Kaufpreis in der Familie der Frau zurück. Für die Roma stellt diese Tradition eine gute Absicht dar, die Töchter in eine gesicherte Zukunft zu entlassen.

Die letzten Brautmärkte fanden auf einem vermüllten Parkplatz neben einem Zentralbahnhof statt – einem städtischen Schandfleck, der mit pittoresken bis kuriosen Stadtansichten verdeckt wurde. Die jungen Frauen waren zurecht-gemacht wie Elektropop-Sängerinnen – enge Kleidung, hohe Plateaupumps, Glitzer und Gold – kein Aufwand schien zu hoch, um die Männer zu beeindrucken und einen besseren Preis zu erzielen. Im Hintergrund blieben die traditionell gekleideten Eltern, die sich einen entspannten Anschein gaben und doch ganz genau wachten – über das Schicksal ihrer Töchter.

Die Porträtserie ›Die verkaufte Braut‹ von Pepa Hristova führt uns tief in eine archaische Welt, die inmitten des EU-Landes Bulgarien liegt. Riesige Bildtafeln, die Naturidyllen oder den Glanz früherer sozialistischer Prunkbauten vorgaukeln, schotten den vermüllten Parkplatz vom übrigen Geschehen der Stadt ab. Das ist der Ort, an dem die marginalisierte Gruppe der orthodoxen Roma geduldet wird.

Zweimal im Jahr kommen hier Familien zusammen, um ihre Töchter im heiratsfähigen Alter feilzubieten. Derjenige, der die attraktivste Offerte unterbreitet, erhält den Zuschlag. Neue Bündnisse werden auf den Treffen mit einem großen Fest besiegelt. Für einen kurzen Moment gelingt es Hristova, die jungen Mädchen den genau festgelegten Dramaturgien des Braut-Marktes zu entziehen, um sie zu porträtieren. Dazu platziert sie diese vor den bizarren Trompel’oeil-Wänden, wo die Mädchen selbstbewusst posieren. Die Ausstellung präsentiert in imposanten Großformaten eine vielschichtige Serie, in der die Fotografin grundlegende Fragen nach Konvention und Freiheit, nach individuellen Sehnsüchten und tradierten Vorstellungen, nach Identität und Zugehörigkeit aufwirft.