AUTOR // MICHAEL BRAUNS

Michael Brauns lebt im Weserbergland in der Nähe von Hameln. Seine Leidenschaft für die Fotografie betreibt er intensiv als Hobby neben seinem Beruf als Elektrotechnik-Ingenieur in der Industrie. Schwerpunkte im Bereich der Fotografie setzt er dabei in der People- und der experimentellen Fotografie. Bei aller Faszination für immer ausgefeiltere Kameras begeistert und inspiriert ihn die klassische Foto-Technik und Darstellung. Ergebnis ist dann oftmals die Verbindung aus Neu und Alt, aus analoger und digitaler Fototechnik. Sein Wissen, das er sich autodidaktisch und in zahlreichen Workshops bei namhaften Fotografen erarbeitet hat, gibt er auch gerne in eigenen Kursen als Dozent an der VHS in Hameln weiter.

 

 

Shiften mit dem 645er System

Bei der fotografischen Abbildung beeinflussen wir die Aussage eines Bildes massgeblich über unsere Gestaltung. Die Elemente, die uns hier zur Verfügung stehen, sind neben Licht, Farben, oder Bildaufteilung auch die Perspektive. Sie beschreibt die räumliche Anordnung und Abstände im Raum, immer bezogen auf den Standpunkt des Betrachters. Dieses Gestaltungsmittel können wir am einfachsten einsetzen, indem wir unseren Standort verändern. Oftmals erlauben die räumlichen Gegebenheiten oder die Größe des Objekts es aber nicht, die notwendige Position für die Aufnahme einzunehmen, um eine bestimmte perspektivische Darstellung zu realisieren. Viele Fotografen benutzen auch das Shiften, um Ruhe in die Komposition zu bringen: Wir wissen, dass Mauern üblicherweise senkrecht sind und lassen uns durch stürzende Linien von der Bildaussage ablenken.

In dieser Übersicht möchte ich die Objektive und Adapter vorstellen, die schon bei der Aufnahme, also optisch, eine Perspektiv-Veränderung bei der Arbeit mit dem 645er System erlauben. Der elektronischen Perspektivkorrektur mit Hilfe des JOBO LensTRUE-Systems widme ich einen eigenen Artikel.

Ein bisschen neidisch war ich anfänglich auf die Nutzer von Kleinbild-Kameras, hier bietet der Handel ein recht breites Spektrum an Shift- bzw. Tilt-Shift-Objektiven. Die Kamerahersteller bieten eigene ›TS-Objektive‹ an, Drittanbieter erweitern zusätzlich das Angebot. Für das 645er System ist aktuell von Pentax kein solches Objektiv im Portfolio. Überrascht war ich dann aber über die interessanten Möglichkeiten, die sich mit ein bisschen Recherche auch für das Pentax 645er System auftun.

 

PENTAX 67 75mm Shift-Objektiv

Aus dem PENTAX 67 Programm sind auf dem Second-Hand Markt immer mal wieder 75 mm Shift-Objektive zu finden, die sich über einen entsprechenden Adapter sehr gut an einer 645 verwenden lassen. Die Brennweite von 75 mm (äquiv. ca. 59 mm bei KB) kann sich bei diesem Objektiv als Vor- oder Nachteil erweisen. Bei großen Objekten und zugleich kurzem Aufnahmeabstand hat man keine Chance, alles auf’s Bild zu bekommen. Ist die Distanz größer bzw. das Objekt kleiner, liefert dieses Objektiv prima Ergebnisse. Auch wenn man aus mehreren Bildern ein perspektivkorrigiertes Panorama erstellen möchte, leistet es sehr gute Dienste. Das folgende Beispiel ist aus zwei Einzelbildern zusammengesetzt.

Dieses Bildbeispiel ist, wie auch die Folgenden, vom Stativ aufgenommen. Als Blende wurde für die Bildbeispiele durchgängig f8.0 gewählt.

Das Objektiv liefert Aufnahmen mit wenig Verzeichnung, bildet in der Bildmitte recht scharf ab, bleibt in den Bildecken auch bei f8 und f16 ein klein wenig unscharf mit leichten CA’s (chromatischen Aberrationen). Es erlaubt das Shiften um bis zu 20mm und kann (mit Raststellungen) um 360° gedreht werden.

Zörk ProShift Adapter mit 55 mm Objektiv

Der ›Zörk ProShift‹ Adapter bietet gegenüber dem zuvor beschriebenen Shift-Objektiv den großen Vorteil, das man ihn mit verschiedenen Linsen kombinieren kann. Geeignet sind hierfür Objektive aus der Pentax 67 Familie, die mechanisch (Bereich Hinterlinse) auf den Adapter passen. Einige Objektive müssen für einen Einsatz leicht modifiziert werden. Zur Kompatibilität und eventuellen Modifikationen berät gerne Herr Zörkendörfer aus München, der mir freundlicherweise auch den Adapter für diesen Test zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank dafür. Die Beispielbilder des 55mm-, 45mm- und 35mm-Objektivs sind alle vom gleichen Standort aus fotografiert, um hier auch mal die Wirkung der verschiedenen Brennweiten zu zeigen.

Hier zunächst das Beispiel vom 55 mm Objektiv (äquiv. ca. 44 mm bei KB).

Das Objektiv liefert an den Testcharts bei Blende 8 sehr knackige Bilder, fällt zu den Ecken hin ein klein wenig ab. Bei Offenblende ist es minimal weicher. Auf der Abbildung oben ist der Zörk ProShift Adapter mal ganz nach unten gefahren, um den großen Shift-Bereich von 20mm besser zeigen zu können. An dieser Version des PENTAX 67 55 mm Objektivs musste ein Abdeckring entfernt werden, um nicht die Samtoberfläche des Adapters zu beschädigen. Dies ließ sich bei meinem Objektiv ganz einfach sogar von Hand machen.

Zörk ProShift Adapter mit 45 mm Objketiv

Der etwas größere Bildwinkel des 45 mm Objektivs (äquiv. ca. 36 mm bei KB) kommt einem bei der Architekturfotografie entgegen, weil man einfach etwas dichter am Objekt stehen kann. Mir hat diese Kombination richtig Spass gemacht, sie ist noch relativ klein und leicht, die Handhabung einfach. Das Objektiv wird am ProShift Adapter einfach manuell verschoben, ohne Schrauben, ohne komplizierte Mechanik. Drehen lässt sich das Objektiv natürlich auch und rastet in verschiedenen Stellungen ein.

Das Objektiv verhält sich bei der Abbildungsleistung sehr ähnlich wie das zuvor beschriebene 55er. Sehr scharf bei Blende 8 in der Bildmitte mit einem leichten Abfall zu den Ecken hin. Bei Offenblende insgesamt auch etwas unschärfer. Im direkten Vergleich der Testbilder am PC bei voller Auflösung ist das P67 55mm sogar noch einen Hauch schärfer und liefert noch weniger CA’s. Am 45 mm Objektiv muss der Gelatinefilter-Halter durch das Lösen von zwei kleinen Schrauben entfernt werden.

Zörk ProShift Adapter mit 35 mm Objketiv

Auf die Bildwirkung des 35 mm Fisheye war ich besonders gespannt. Grundsätzlich funktioniert hier der Shift-Adapter genau so, wie bei den zuvor beschriebenen Objektiven, er kann stürzende Linien gerade richten aber selbstverständlich keine Verzeichnungen des Objektivs korrigieren. Durch die tonnenförmige Verzeichnung sind (und bleiben) gerade Linien etwas gebogen und es ergibt sich eine Maßstabsverzerrung von der Mitte zu den Rändern hin. Dieser Effekt erzeugt eine scheinbare Tiefenstaffelung und betont Objekte in der Bildmitte. Aber die Wirkung lässt sich per Shiften visuell sehr entspannen. Mir gefällt’s ...

Das Objektiv zeichnet in der Bildmitte sehr scharf, fällt zu den Ecken hin am Testchart deutlich ab. Gut erkennbar ist hier auch die tonnenförmige Verzeichnung. Am Objektiv sind keine Veränderungen zur Verwendung am ProShift Adapter nötig gewesen.

MAMIYA Sekor 50mm Shift-Objektiv

Ein Shift-Objektiv mit etwas längerer Brennweite ist das Mamiya Sekor 50 mm f4,0. Das hier verwendete Exemplar ist original für den Anschluß an eine Mamiya 645-Kamera vorgesehen. Es wurde von Fa. Zörk aus München umgebaut auf einen PENTAX 645 - Anschluß. Für das Ensemble aus Marktkirche und Hochzeitshaus in Hameln reichte allerdings auch diese Brennweite noch nicht – ein paar Schritte zurück hätten gereicht, aber ich stand schon mit dem Rücken an der Wand.

Das Objektiv liefert eine sehr gute Abbildungsleistung, geringe Verzeichnung und gute Schärfe bis in die Randbereiche. Lediglich bei Offenblende erlaubt es sich bei den Testchart-Aufnahmen eine leichte Unschärfe in den Ecken. Der Verstellbereich der Shift-Mechanik erlaubt hier ein Verschieben des Objektivs um 16 mm. Die Shift-Mechanik ist um 360° drehbar (Mit Rastungen)

Wiese-Fototechnik 45mm Tilt-Shift Objektiv

Ein paar Millimeter Brennweiten-Unterschied reichen bei diesem Motiv aus, um es komplett abbilden zu können. In diesem Beispiel sind es 45 mm (äquiv. ca. 36 mm bei KB) eines Tilt-Shift Objektivs der Fa. Wiese-Fototechnik aus Hamburg. Genutzt wurde für dieses Bild nur die Shift-Funktion. Sie ist bei diesem Objektiv über einen Drehring realisiert, an dessen Skala sich die Verschiebung in Millimetern ablesen lässt und somit auch reproduzierbar ist.

Das Objektiv startet bei Offenblende mit leichter Unschärfe in der Bildmitte und deutlicher Unschärfe in den Ecken, steigert sich aber stark bei höheren Blendenwerten, in Bildmitte wie auch in den Ecken. Es stellt zum Shiften einen Verstellbereich von 12 mm zur Verfügung und erlaubt zusätzlich ein Verschwenken von bis zu 9 Grad. Beide Einstellebenen sind 360 Grad drehbar.