›Stilpirat‹ oder: Steffen Böttcher – ein neuer Fotografentyp?

// STEFFEN BÖTTCHER  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

… Fotografentyp?

Unter dem Titel PxP Portfolio berichten wir normalerweise von Projekten, die mit PENTAX-Kameras (bzw. Kameras aus dem Hause RICOH IMAGING) gemacht wurden. Wie man aber schon an der Überschrift erkennen kann: Im besonderen Fall von Steffen Böttcher brennt mir etwas ganz anderes unter den Nägeln, über das ich hier – sagen wir mal – schriftlich nachdenken möchte: Über einen schleichenden Wandel den der Beruf des Fotografen in den letzten Jahren so erlebt hat.

Als ich vor vielen, vielen Jahren mein Fotodesign-Studium abgeschlossen habe, war es für diejenigen, die als Fotograf arbeiten wollten zwar nicht leicht davon zu leben – die Wege, die zu einem fotografischen Berufsleben führten, waren aber irgendwie vorgezeichnet; etwas vereinfacht dargestellt gab es zwei Wege: Hatte man vor, den eher handwerklichen Weg zu gehen oder man hatte ohnehin die entsprechende Ausbildung, mietete man sich ein Studio oder Ladengeschäft, schrieb ›Fotograf‹ über die Tür und in der Regel konnte man sich einigermaßen sicher sein, dass die Menschen, die durch diese Tür kamen, ein klares Bild der Aufträge formulieren konnten, die sie vergeben wollten. Die Alternative war: Man machte sich eine edle Mappe und zog durch die verschiedenen Agenturen oder Redaktionen und stellte sich vor. Oft war auch eine Mixtur beider Wege erfolgreich.

Dass mit dem Beginn der ›Online-Ära‹ eine Internetsite das Tingeln vorbereiten musste, dass später sogar die elektronische Darstellung den heiligen Prints den Rang streitig machte, war eher ein evolutionärer Wandel. Oder war das schon der Anfang des ›neuen Fotografentyps‹?

Komme ich jetzt mal zu Steffen Böttcher:

»Eigentlich wollte ich gar nicht Fotograf werden …« sagte er mir gleich zu Beginn meiner Fragerei nach seinem Werdegang. »Es fing eher notgedrungen an – ungewollt, ungezielt …« Zu Beginn des neuen Jahrtausends arbeitete Steffen als Grafiker, nachdem er eine Ausbildung als Chemiefacharbeiter in Halle und später eine kaufmännische Ausbildung bei ›Steinway&Sons‹/Hamburg gemacht hat. Er schlug sich also so durch und entwickelte sich zum Grafiker und jobbte gelegentlich auch als Barpianist. Diese Kombi führte logischerweise auch zu werblichen Aufträge aus der Musikbranche und es kam, wie es Grafikern halt oft passiert: Bilder und Layout passten nicht zusammen … eine uralte Geschichte. Denn jetzt kommt noch zur Kreativität und Musikliebe ein weiterer Baustein ins Spiel: Steffen wuchs nicht nur in einem sehr musikalischen Haushalt auf – schon sein Vater war Fotograf (»… und deswegen wollte ich auf keinen Fall Fotograf werden …«) – sein ›Stallgeruch‹ roch also nach Entwickler und Fixierer. Daher war die Hemmschwelle mal eben selbst zur Kamera zu greifen, sehr niedrig: »Da lag natürlich so’ne kleine AllInOne-6-Megapixel-Kamera in der Agentur rum und ich hab’ da mal schnell das notwendige Gruppenbild der Band für‘s CD-Cover gemacht. Idee und GoodMood machten die fotografischen Schwächen einer solchen Spontanaktion mehr als wett. Und das steigerte sich natürlich noch – einige Auftraggeber gingen gleich davon aus, dass Steffen die Bilder selbst macht. Da wurde dann auch schon mal ein Fotostudio gemietet und ein Assi hat alles vorbereitet und … auch dieser Teil der Geschichte ist anderen schon passiert: Die Fachkenntnisse wurden mitgemietet und Steffen Böttcher wurde zum Komplett-Produzent. Aber Steffen wäre nicht der Stilpirat, wenn er so weitergemacht hätte. Natürlich wollte er es auch irgendwie wissen, hat sich da reingehängt und Gas gegeben. Nicht, weil er Fotograf werden wollte und sich einbildete es besser machen zu können: Weil es seine Art ist zu hinterfragen, wissen zu wollen, wie Fotos so ticken, was man machen muss, um sie so zu machen, wie er es wollte …

Aber das mit dem ›Gas geben‹ hatte seine Kehrseite. 2009 war der Druck im Kessel zum Überdruck geworden – ein Burnout zwang Steffen Böttcher zur Vollbremsung und zum Nachdenken: Der Grafiker-Job wurde an den Nagel gehängt. In diese Zeit des Innehaltens kam eine Anfrage nach einem Job als Hochzeitsfotograf: »Du hast doch so ’ne tolle Kamera …« … also die wohl dämlichste Begründung einen Fotografen zu engagieren. Und Steffen, der sich alles außer Hochzeitsfotografie für seine Zukunft vorstellen wollte, hat irgendwie zugesagt. Letztendlich basierte die Anfrage aber auf einigen Beispielbildern im Netz, die Steffen als Entspannung gemacht hat und ›mal so‹ als ›Das-finde-ich-gut-Sammlung‹ hochgeladen hat. Und manchmal entstehen aus Jobs, die man eigentlich nicht will, besondere Energien und Qualitäten. Aus einer Mischung von Neugierde (›Wird’s klappen?‹) und Trotz entsteht etwas Eigenes, etwas Inspiriertes. Der Elan des Fotografen springt mit den Bildern auf die Betrachter über und begeistert. Denn Steffen Böttcher war in der bevorzugten Situation, dass die Anfragen kamen, weil Lieblings-Bilder von ihm den Kunden einfach gefielen, weil sie anders waren. Also war der eigentliche Auftrag nicht Erwartungs-Fotografie sondern: ›Mach’ was Du gut findest!‹ … klingt komfortabel und nach easy-going. Ist es aber bei Steffen Böttcher nicht. Für Steffen war das Heraussforderung: Finde heraus, was Du gut findest, spiele mit den Möglichkeiten, ruhe Dich nicht auf Errungenem aus. Und hier sind wir bei einem weiteren Baustein seines Fotografendaseins: Fotografie ist ein bewusster Prozess, Ausdruck seiner selbst und seines Lebenswillens … wer das jetzt mit der Burnout-Zäsur im Leben von Steffen in Verbindung bringt, ist vermutlich auf der richtigen Spur: Durch diesen GAU verbindet Steffen Reflexion und Fotografie zu genau der Mischung seiner Arbeit, die ihn heute ausmacht: Machen, den Prozess geniessen, reflektieren, teilen …

(Hier ein Beispiel einer Hochzeitsreportage aus Hannover)

… und mit dem Teilen ging es gleich weiter. Der Erfolg als Hochzeitsfotograf zog die Anfrage nach Workshops nach sich und auch dieser Teil seiner Arbeit war stark von der Leidenschaft, die Steffens Arbeit prägt, getragen. Und daher auch erfolgreich. Dass die Notizen, die Steffen sich für die Workshops so gemacht hat, nebenbei zu einem Buch wurden, dass sich sehr gut verkaufte, ist sicherlich eher eine logische Konsequenz als Zufall. Denn seine Fähigkeit als Grafiker und damit Buchgestalter ist ja letztendlich eine gute Basis für die Leidenschaft des Teilens.

Schon ein Jahr nach dem Burnout waren also schon Grundlagen für eine neue Zukunft gelegt. Was war der Unterschied zu der vorherigen Zeit als Grafiker? … »Ich mache keine Kompromisse mehr – das widerspricht meinem Naturell. Ich fotografiere, wie ich es für gut und richtig erachte, wie es sich gut anfühlt, überlasse den Kunden die Bilder und kontrolliere nicht deren Auswahl, denn die Bilder, die ich gut finde, sind ja dabei – die bleiben mir ja …« also war schon ein Jahr nach dem Ausstieg eine neue Zukunft bereitet: Fotograf sein, Bilder und Reflexionen teilen, sich als Fotograf entwickeln … Steffen Böttcher nannte das zwar ursprünglich ›Heidefotograf‹ aber so nach und nach entwickelte er eine eigene Marke, die gar nicht mehr ›Steffen Böttcher – Fotograf‹ sagt, sondern mehr meint: ›Stilpirat‹.

(Hier ein Shooting für das Jeanslabel Paddock’s – während der Entwicklung des Katalogs schlichen sich Stück für Stück einige Schottland-Bilder in die Produktion)

Und damit sind wir schon bei dem Steffen Böttcher, wie er sich heute darstellt: als ein Fotograf, der nicht nur Fotograf ist, sondern eher – um es ein wenig ostalgisch auszudrücken – ein ›Teller Buntes‹, wo mittendrauf eine Kamera liegt. Alles, was unter der Marke ›Stilpirat‹ stattfindet, hat etwas mit Fotografie zu tun: Wenn Steffen über sein Leben bloggt, hat er diese Erfahrungen meist mit der Kamera ›gekapert‹. Wenn er fürchtet in einen Sackgasse zu geraten ›macht er sich auf zu neuen Ufern‹ und sucht neue Wege für sich aber auch für andere, indem er sie mitnimmt auf seine Reisen, zu Workshops und Erfahrungstripps. Seine Aufträge sind nicht festgelegte Briefing-Fotografie sondern eher ergebnisoffene Erlebnisfotografie, wo oft auch das Schreiben mit der Fotografie zusammenfließt und ein kleines Gesamtkonzept bildet. Und manchmal fährt er aus reiner Neugier irgendwohin und sammelt Farben – wie ›Frederick die Maus‹ (Ein Kinderbuch von Leo Lionni) – so geschehen im Jahr 2016, als er sich für die anderen Farben in Schottland interessierte. Und dass diese Farben perfekt zum Shooting für eine Jeans-Marke passten ist bezeichnend: Nicht zu viel planen … geschehen lassen und abwarten, welcher Überfall als nächstes kommt.

(Hier eine umfangreiche Reportage über Hochschulen in Hessen. Zu sehen sind: Hochschule/Fulda/Gesundheit, Hochschule/Geisenheim/Weinbau, THM Friedberg/Greenliner, Uniklinikum/Giessen/Medizin)