TOM JACOBI: ›GREY MATTER(s)‹

// TOM JACOBI (Bilder)  //  JAN KLOSE-BRÜDERN (Text)

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›Tom Jacobi ist zurück‹ – so titelt Volker Corsten in einem Artikel in ›Die Welt‹. Dabei war er nie wirklich weg. Tom Jacobi arbeitete lange Zeit als Art-Director, Verleger und Marketing-Spezialist, bevor er sich jetzt als freier Fotograf mit eigenem Projekt zurückmeldet, und zwar mit dem beeindruckenden

Groß-Projekt ›Grey Matter(s)‹. Eine Bildserie, die Landschaften in zutiefst berührender Größe zeigt, Bilder, bei deren Beschreibung man Worte nutzen muss, die sonst eher religiösen Betrachtungen zugeschrieben werden: Kontemplation, Ehrfurcht, Demut … dabei geht es hier weniger um verbrauchte Superlative, mit denen Foto-Projekte oft eingeführt werden, sondern um ein einfaches Ziel: Landschaft als die Schöpfung zu sehen, in der wir ein Bestandteil sind – ein kleiner Bestandteil. Und mit dieser Absicht schließt Tom Jacobi bei alten Meistern wie Carpar David Friedrich an, die seinerzeit zu Beginn des 19. Jhds. Gemälde geschaffen haben, weil die Fotografie noch nicht erfunden war – dabei aber genauso das Verhältnis des Menschen zur Natur vor Augen hatten, wie Tom Jacobi.

Dabei ist er keineswegs ein Romatiker. Er selbst sieht sich eher in der Tradition der ›Straight Photography‹, nennt Ansel Adams als Referenz. Und ›Straight‹, also ›Geradeaus‹, ist ein hervorstechendes Merkmal der Grey Matter(s)-Serie. Kein Vorder-Mittel-Hintergrund-Gedöns, wie es so oft in der Landschaftsfotografie als Stilmittel verbraucht wird. Sachlich fokussiert, ohne großes Orchester aber mit geduldigem Einsatz von Licht, das ganz subtil die notwendigen Emotionen weckt, den Kern zum Leuchten bringt. Hier ist nichts überwürzt sondern die Landschaft, die Materie, der Raum steht für sich und ist so angerichtet, dass der ›Eigengeschmack‹ zur Wirkung kommt.

»Der ursprüngliche Impuls für die Serie entstand auf einer Antarktisreise – nach vielen Jahren hatte ich endlich mal wieder eine richtige Kamera dabei und mit diesen Bildern entstand die Idee eine Serie archaischer Landschaftsaufnahmen zu machen.« ... diese Serie sollte die die Oberfläche unseres Planeten zeigen, wie sie schon vor der Zeit der menschlichen Eingriffe gewesen war: roh, wie gerade entstanden, intensiv und ungebändigt. Das aber nicht aus dem Übermut des Abenteurers, der mit den Bilder belegen will, dass er ein ganzer Kerl ist und auch in unwirtlichen Gegenden seine Fußspuren hinterlässt. Sondern mit dem sachlich, ruhigen Blickwinkel eines verantwortungsbewussten Beobachters auf die Größe und Schönheit unseres Lebensraumes.

Und neben diesem Blickwinkel auf unsere Umwelt entdeckte Tom Jacobi in der Antarktis ›Grau‹ als optimale Grundlage dieses Blickwinkels – nicht nur, weil das Wetter überwiegend bewölkt war (– das auch –) sondern, weil er erkannte, dass die Landschaft klarer und stärker zur Wirkung kam, wenn man die Farbe weglässt. »Farbe würde die Bilder zu laut machen – Farben sind sehr subjektiv … sie entstehen nicht im Auge sondern erst im Hirn und wer weiß schon, ob sie nicht simple Illusion sind? … ein befreundeter Journalist – Jochen Siemens – sagte dazu: ›Der Gaukler Farbe ist nicht anwesend‹ …« Und daher ist Grau die Farbe um Form und Material perfekt zu inszenieren. So entstand schon früh in diesem Projekt der Titel ›Grey Matter(s)‹ mit seiner vielschichtigen Bedeutung als Graue Materie / Angelegenheit / Sache mit dem im Englischen auch das bezeichnet wird, was wir ›graue Zellen‹ nennen … bis hin zu der Bedeutung durch das angehängte ›s‹ als eine Sache, die uns etwas angeht: Landschaft, die berühren soll.

Und die Farbe Grau hat auch einen Bezug zum Religiösen und stützt so die Bildwirkung – viele Schlüsselmomente der unterschiedlichen Weltreligionen entstanden in der Farblosigkeit der Nacht oder Dämmerung: Die Erleuchtung Siddhartha Gautamas zum Buddha, die Geburt Jesus Christis oder der Moment in dem der Erzengel Gabriel Mohammed erschien. Der große Moment benötigt keine Farbe, er benötigt Konzentration.

›Die ganze Machart, die Bildkomposition, die perfekte Ausarbeitung aber auch die Präsentationsform sollen zur kontemplativen Betrachtung einladen.‹

Die Bilder dieser Serie waren schon vom Anfang der Produktion im Frühjahr 2014 immer als Galerie-Arbeiten für die Präsentation im großen Format an der Wand bestimmt. Tom Jacobi wollte nach vielen Jahren als Reportage-Fotograf (Stern) und Werbefotograf und später Art-Director bei Gruner + Jahr für Titel wie Stern, View, in die Welt der freien Kunst, um unabhängig von Auftraggebern eigene Ideen zu verwirklichen. Als Art-Director des Stern hatte er die Buchserie ›Stern-Fotografie‹ aus der Taufe gehoben und dadurch die freien Arbeiten vieler Fotografen-Kollegen kennengelernt.

Schon zu Beginn der Arbeit an der Serie ›Grey Matter(s)‹ war die CWC Gallery / Berlin gewonnen, über die die Arbeiten seit Januar 2016 präsentiert und sehr erfolgreich verkauft werden: »Die Projektkosten sind drin und ich habe bereits den Spielraum ein nächstes Projekt einzufädeln. Das müsste dann im Sommer 2017 veröffentlicht werden können.«

Neben den Ausstellungsprints (174 x 122 cm und 226 x 151 cm) entstand auch das Buch zu der Serie, das im > Hirmer-Verlag erschienen ist und dessen zweite Auflage auch schon annähernd ausverkauft ist. Neben der Ausstellung in Berlin im Winter/Frühjahr 2016 werden die Arbeiten auch in weiteren Galerien weltweit präsentiert. »Es ist nach wie vor ein großartiges Gefühl das gedruckte Bild vor mir zu haben – das hat sich seit meinen ersten Zeitschriftenveröffentlichungen als 17-jähriger bis heute nicht geändert.«

 

 

Die Arbeitsweise von Tom Jacobi in dieser Serie zielt daher immer auf den Betrachter eines gedruckten Bildes – sei es an der Wand, in einem Buch oder einer Zeitschrift. Die Aufnahmen entstehen immer ohne nennenswertes Composing oder Stacking als »purer Schuss – das mag daran liegen, dass ich mit der analogen Fotografie groß geworden bin, aber ich bin davon überzeugt, dass man den authentischen Blick nicht komponieren sollte … der muss vor Ort entstehen und so gewesen sein, wie es an der Wand zu sehen sein wird.« Das setzt Geduld voraus, denn der richtige Moment in der Landschaftsfotografie kann Tage auf sich warten lassen oder gelegentlich gar nicht eintreten. Das Titelbild seines Buches, das am Kirkjufell in Island entstand, verdanken wir allerdings eher der Geduld seiner Frau Katharina: »Wir haben drei Tage am Kirkjufell auf Windstille und perfektes Licht gewartet, um eine brillante Spiegelung zu fotografieren. Nach drei Tagen waren wir dann unverrichteter Dinge auf dem Weg zum Flughafen als die Bedingungen perfekt schienen; meine Frau hat mich überredet den Flug zu stornieren, damit sich das Warten am Ende doch gelohnt hat.«

Die Bildwirkung seiner Arbeiten entwickelt Tom Jacobi selbst – oft noch auf einem kleinen Laptop vor Ort. Damit nutzt er die digitalen Möglichkeiten zur Optimierung schon im direkten Umfeld der Aufnahme. Und dies nicht nur, um die technische Qualität der Aufnahme zu kontrollieren, sondern, um auch schon in der Aufnahme-Situation eine Bildsprache zu entwickeln, die seinen Vorstellungen und dem Ziel seiner Serie entspricht. Allerdings entsteht die endgültige Entwicklung der Bilder in langwierigen Prozessen im Atelier zu Hause. Denn erst dort können die Bilder der verschiedenen Reisen und Orte so bearbeitet werden, dass sie als zusammenhängende Serie wirken können. Das endgültige Finishing, die ›letzten 5%‹, überlässt er später einem Spezial-Labor, das dann auch die perfekten Ausstellungsprints bis zur Rahmung erstellt.

Mit ›Grey Matter(s)‹ ist Tom Jacobi ein ästhetisch wie inhaltlich anspruchsvolles ComeBack als Fotograf gelungen. Diese Arbeit weist in eine ähnliche Richtung, wie schon ein vorangegangenes freies Projekt, das er zur Jahrtausenwende mit seinem Vater umgesetzt hat: Das Buch ›Wo Gott wohnt‹. Aber da ›Grey Matter(s)‹ ohne begleitenden Text konzipiert ist, ist es intensiver und konzentrierter und man kann nur hoffen, dass weitere Projekte als Fotograf folgen werden. Vermutlich werden wir davon erfahren:

> www.tomjacobi.de