»Erst war es Angst … jetzt ist es Faszination.«

// Andreas Feichtmeier  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

»Als Kind bekam ich eine Kamera geschenkt und damit war meine Faszination für die Fotografie geweckt …« … ist eine sehr, sehr häufige Antwort auf die Frage, wie es denn angefangen hat. Andreas Feichtmeier gibt eine ganz andere Antwort. Er spricht erst mal übers Wetter. Denn das hat ihn schon immer schwerstens beeindruckt. Allerdings zieht ihn seine Familie immer wieder mit einer Anakdote auf. »Denn als Kind war der Andreas fix verschwunden, wenn es zu gewittern begann, … er war der Erste, der Regenzeug anhatte, wenn auch nur am Horizont eine graue Wolke erschien … der Andreas hatte regelrecht Angst vor Unwetter.« Aber diese Angst, die kippte im jungen Erwachsenenalter um: Heute ist Wetter Für Andreas Feichtmeier erst wirklich spannend wenn es brenzlig wird. Heute ist es für ihn eine große Faszination.

Und diese Faszination machte ihn zum Fotografen. Obwohl er sich selbst gar nicht so eindeutig als Fotograf sieht. Denn Andreas, und mit ihm eine mir vorher eher unbekannte Community unter den Fotografen, nennt sich lieber ›Gewitterjäger‹ bzw. ›Stormchaser‹. Denn unter diesen Begriffen finden sich Wetterenthusiasten im Netz, verabreden gemeinsame Termine und werden zu Experten für Unwetter. Hier werden eher Begriffe wie ›Regalwolken‹, ›Mutterschiffe‹, ›Superzellen‹ besprochen oder man unterhält sich über Tornados, als wären sie menschliche Wesen und diskutiert wie fotogen sie sind … hier redet man übers Wetter. Aber auf einer ganz anderen Ebene und mit einem ganz anderen Ziel: Erst, wenn aus Wind, Wasser und Dampf extreme Energie entsteht, wird es interessant. Erst dann entstehen diese gewaltigen Formen, die Strukturen, die unfassbaren Schattierungen von Schwarz. Herrliches Sommerwetter mit Federwölkchen am blauen Himmel lässt Stormchaser schlicht kalt …

Diese klare Hinwendung zum Objekt der Faszination bringt mich auf einen verwegenen Vergleich mit zwei deutschen Heroen der Fotogeschichte: Auch Bernd und Hilla Becher konzentrierten ihre Aufmerksamkeit präzise auf den Gegenstand ihrer Betrachtung und reduzierten ihre Fotografie auf das Wesentliche. Wenn manche den Vergleich vielleicht unpassend finden: Auch Andreas Feichtmeier ist voll und ganz auf das Formenspiel des Wetters konzentriert: Nur dass gilt es festzuhalten. Auch hier geht es um Vergänglichkeit – beim Wetter in Sekunden gemessen, bei den Bechers eher in Jahrhundertschritten … es geht um das Festhalten.

Hier ist Fotografie nicht Mittel des persönlichen Ausdrucks, sondern erst mal Dokumentation von faszinierenden Momenten. Hier wird das Bild nicht zur Optimierung manipuliert sondern ausdrucksstark entwickelt, damit der Moment möglichst naturgetreu beschrieben wird. Hier gibt es keine Überlegungen zum goldenen Schnitt – der Fokus ist dort, wo er natürlicherweise immer ist: Im Zentrum.

Geplant und gestaltet wird im Vorfeld: Wenn Wetterkarten interpretiert werden, wenn man gemeinsam überlegt »welche Zelle denn einen Tornado schmeißt«. Und dann wird ein Ort gesucht, der den Blick frei gibt, der möglichst keine Störfaktoren in die Bilder bringt und wo es vielleicht auch nicht allzu weit zum Auto ist: Denn die weitwinkeligen Aufnahmen täuschen einen Abstand vor, der etwas distanziert wirkt. Tatsächlich sind die Gewitterjäger ganz dicht dran. Und daher ist auch die Gefahr des Blitzschlages immer dabei. Und dann ist es gut, wenn das Auto in der Nähe ist. Denn, »wenn man einmal die Druckwelle eines Blitzes hautnah erlebt hat, wird man sehr sehr vorsichtig und weiß um die ungeheuren Kräfte, die die Natur entfesselt.«

Und da schimmert dann doch der Ausdruckswille des Künstlers durch: Die Faszination für das Wetter ist nicht simple Sensationslust – es ist eine Haltung zur Natur und da ist die Fotografie von Andreas Feichtmeier sehr klar: Diese ungeheuren Gewalten sollten uns demütig machen und unsere sensible Umwelt als bewundernswerte Schöpfung betrachten lassen.
(Ein Schelm, der jetzt erwartet, dass ich noch fix am Ende einen Vergleich mit Caspar David Friedriche ziehe :- )

Mehr zu Andreas Feichtmeier > www.gewitterundlandschaften.de