Alle farbigen Bilder: © Ralf Niemzig / Hamburg
Produktaufnahmen und S/W-Bilder: © Michael Brauns

Street Photography?

… Flashen?

… man nehme die GR!

AUTOR  // MICHAEL BRAUNS

Dass die GR II eine tolle Kamera für die Street Photography ist, damit erzähle ich hier nichts Neues. Viele Fotografen schätzen und nutzen sie für ihre Arbeit. Sie ist handlich, immer dabei und liefert klasse Bilder selbst in schwierigen Lichtsituationen ab. In Ausstellungen, die ich besucht habe, beweist die GR II auch bei großen Prints immer wieder, welche Qualität möglich ist, wenn Objektiv und Sensor perfekt aufeinander abgestimmt sind. Eins ist mir allerdings beim Betrachten der Bilder aufgefallen: Relativ wenige Bilder sind mit Blitz entstanden. Hier und da war mal der eingebaute Blitz zum Aufhellen beteiligt, aber die eigentliche ›Blitz-Street Photography‹ habe ich da nicht wirklich gesehen …

Warum eigentlich nicht? In Foren wird gerne darüber diskutiert, was bei der Street Photography ›erlaubt‹ sei. Einige Fotografen lassen einen Blitz nicht zu, weil er die originale Lichtsituation verändert und damit den Anspruch der Straßenfotografie nicht mehr erfüllt. Sollte das der Grund sein?
Wenn man im Internet nach ›Flash Street Photography‹ stöbert, findet man allerdings recht viele Fotografen, die in Ihrer Karriere sehr viel mit Blitz auf der Straße gearbeitet haben. Das beginnt mit Arthur ›Weegee‹ Fellig und der Fotograf David Klammer hat auch in diesem Jahrhundert (Fußballweltmeisterschaft 2006 > World Press Award) damit spannende Serien fotografiert. Viele dieser Aufnahmen sind allerdings noch analog gemacht.

Ist die Street Photography einem ›Modetrend‹ unterworfen? Ich denke es gibt auch hier Veränderungen, die eine Szene lebendig halten und weiterentwickeln. Vielen Dank an dieser Stelle an den PxP-Fotografen Ralf Niemzig. Mit seinen Bildern habe ich wunderbare Beispiele zur Street Photography mit Blitz gefunden, um die Bandbreite der Möglichkeiten noch besser aufzuzeigen.

Meine persönliche Einstellung zur Street Photography:
Wenn ich auf ein Szenario zugehe und Personen, Tiere oder Dinge entdecke, die etwas in mir ansprechen, dann konzentriert sich meine Wahrnehmung auf dieses Objekt. Unterbewusst blende ich dabei störende oder unbedeutende Details in meiner Wahrnehmung aus. Mache ich nun ein Foto von dieser Szene, versuche ich diese für mich wichtigen Elemente in einer Art und Weise festzuhalten, dass meine Wahrnehmung der Szene wie erlebt ›rüberkommt‹. Wahl des Bildausschnitts, Tiefenschärfe oder Mitzieh-Effekte gehören dabei zum Repertoire, um dies zu erreichen. Auch wenn es vielleicht den Puristen gegenüber provokant ist, aber auch damit verändere bereits die originale Szenerie. Für mich ist der Blitz also ein Zugewinn an Möglichkeiten, meine Wahrnehmung besser darzustellen.

Warum stelle ich das Thema ›Flash Street Photography‹ aber nun eigentlich hier vor? Mir waren die umfangreichen Möglichkeiten zur Blitzfotografie mit der GR II erst gar nicht bewusst. Da ich vermute, es geht nicht nur mir so, möchte ich einige dieser Möglichkeiten und Eigenschaften hier aufzeigen.

Mein Anspruch ist dabei die Möglichkeit, bei allen Verschlusszeiten blitzen zu können. Gepaart mit drahtloser Steuerung externer Blitze oder der Möglichkeit auf den 1. oder 2. Verschlussvorhang zu synchronisieren, eröffnet sich eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten. Aber der Reihe nach. In Kameras mit fest verbautem Objektiv wird oft, wie auch bei der GR, ein Zentralverschluss verbaut. Er ist leiser als ein Schlitzverschluss und verursacht auch weniger Erschütterungen. Beides kommt Straßenfotografen zu Gute: kein lautes Auslösegeräusch verrät uns und frei Hand fotografiert haben wir weniger Verwacklungen.

Warum ermöglicht der Zentralverschluss aber nun den Einsatz bei kurzen Verschlusszeiten? Betrachten wir zunächst den Schlitzverschluss, wie er typischerweise in DSLR´s und Systemkameras verbaut ist: Zu Beginn der Aufnahme gibt der erste Verschlussvorhang den Sensor frei, zum Beenden der Belichtung folgt der zweite Vorhang und verdeckt den Sensor wieder. Bis hin zur Blitzsynchronzeit, also maximal bis zu einer Verschlusszeit von 1/300 s – meist aber deutlich langsamer – ist der Sensor einmal komplett unverdeckt von den Verschlussvorhängen. In diesem Moment wird der Blitz gezündet und das Bild wird komplett und gleichmäßig belichtet.
Nutzen wir Zeiten kürzer als die Synchronzeit, beginnt der 2. Verschlussvorhang schon zu schließen noch bevor der 1. Vorhang ganz über den Sensor gelaufen ist. Bei sehr kurzen Verschlusszeiten bedeutet dies, dass nur noch ein schmaler Schlitz über den Sensor wandert. Begründet ist dieses Verhalten darin, das die Verschlussvorhänge einfach nicht schneller bewegt werden können, zumindest nicht ohne sich große Nachteile an anderen Stellen einzufangen (Erschütterung, Verschleiß, Kosten).

Um nun bei diesen Verschlusszeiten noch eine gleichmäßige Belichtung zu gewährleisten, muss das Licht vom Blitz über die gesamte Zeitdauer leuchten, die der Schlitz über den Sensor wandert. Das sind je nach Kameramodell so zwischen einer 1/60s und 1/300s. High-Speed-Sync oder Super-Sync heißt hier die Lösung. Der Blitz wird entweder gepulst und erzeugt damit über diese Zeit ein ›Dauerlicht‹, oder man wählt einen Blitztyp der sehr langsam abbrennt. Gezündet werden die Blitze in jedem Fall zu einem anderen Zeitpunkt, weshalb Blitz und Kamera diese Funktion unterstützen müssen. Der Zentralverschluss gibt, egal bei welcher Verschlusszeit, immer den Blick auf den gesamten Sensor frei, da er am Bündelpunkt aller Lichtstrahlen im Objektiv verbaut ist. Vergleichbar mit der Blendenöffnung (groß oder klein), wird ja auch immer der ganze Sensor belichtet.

Das Timing der Blitzauslösung oder die Abbrennzeit können sicherlich noch die Belichtung in Richtung heller oder dunkler verändern, dunkle Balken an den Bildrändern gibts da aber nicht. Ausnahmen, die es geben kann: Das Timing passt z. B. aufgrund von Verzögerungen durch Funkauslöser gar nicht mehr. Dann gibts auch hier komplett schwarze Bilder …

Die einfachste Möglichkeit mit der Gr II zu blitzen ist die Verwendung des eingebauten Blitzgerätes. Die Kamera bietet einige Möglichkeiten der Beeinflussung: Verschiedene Modi können gewählt und die Blitzleistung kann angepasst werden. Ebenso kann die Synchronistaion auf den 1. oder 2. Verschlussvorhang gelegt werden. Dieser eingebaute Blitz hat allerdings mit einer Leitzahl von 5,4 nur einen kleinen Wirkungsradius. Da die RICOH GR einen Blitzschuh spendiert bekommen hat, kann man natürlich auch Aufsteckblitze verwenden. Ich habe es mit einem Pentax 540 FGZ getestet, auch damit funktioniert es bis hin zu den kürzesten Verschlusszeiten völlig problemlos. Mit ihm kann ich die Reichweite steigern oder auch die Belichtungsunterschiede zwischen Vorder- und Hintergrund noch stärker verändern. Der schwenkbare Kopf erlaubt indirektes Blitzen und der etwas größere Abstand zur Linse hilft Reflexionen und rote Augen zu verringern.

Spannend wird das Ganze aber erst richtig, wenn ich den Blitz ›entfesselt‹ einsetzen kann, also losgelöst vom Blitzschuh der Kamera. Damit lässt sich die Richtung des einfallenden Lichts gegenüber der Blickrichtung der Kamera verändern. Ausgelöst wird der Blitz dann entweder über eine Kabelverbindung, was aber den Bewegungsraum unnötig einschränkt, oder drahtlos. Im einfachsten Fall halte ich dann den Blitz am ausgestreckten Arm und richte ihn auf das Motiv. Etwas mehr Aktionsradius für den Blitz gewinnt man, wenn man ihn z. B. an einem leichten Einbeinstativ anbringt. So lassen sich schnell über 2 Meter Abstand zwischen Kamera und Blitz bringen.
Mit dem Pentax FGZ 540 (I + II) sowie den FGZ 360 (I + II) sollte diese Drahtlossteuerung einwandfrei funktionieren. Ich habe es allerdings nur mit meinem FGZ 540 I getestet. Die Blitzsteuerung (Belichtungssteuerung) erfolgt dabei mit P-TTL. Man benötigt keinen zusätzlichen Funkauslöser auf der Kamera – nur der kleine interne Blitz muss dabei ausgeklappt sein. Über ihn läuft die Steuerung, was sehr komfortabel ist, aber eben auch bedeutet, dass Vorblitze ausgesendet werden. In der Regel ist das kein Problem, sobald allerdings eine Person direkt in die Kamera blickt, führen diese Vorblitze oft zum Augenzwinkern und man erwischt sein Motiv mit halb oder ganz geschlossenen Augen.

Neben der Möglichkeit, über die eingebaute Steuerung die Pentax-eigenen Blitze zu nutzen, kann auch über den Blitzschuh ein Funkauslöser von Drittanbietern angeschlossen werden. Damit lassen sich dann natürlich nur die passenden Blitze des jeweiligen Anbieters nutzen. Auch das funktioniert einwandfrei. Diese Variante hat auch ihre Vor- und Nachteile: Der Funkauslöser macht die Kamera etwas sperriger und man verzichtet auf die P-TTL-Steuerung. Die Einstellung des Blitzes muss manuell erfolgen. Dafür bleibt der kleine interne Blitz eingeklappt und man hat keine Vorblitze, die stören könnten.
Ich habe sogar mal probiert, ob sich damit die Studioblitzanlage auslösen lässt … Ja, auch das geht! Aber keine Sorge, ich will jetzt nicht dafür werben, mit einem 1200 Ws-Porty Street Photography zu machen.

Jetzt aber endlich mal ein paar Beispiele, wie dann Ergebnisse aussehen können: Die folgenden Bilder sind bei Blende 4.0 mit Verschlusszeiten von 1/1000s bis 1/2000s gemacht worden. Der Blitz war an dem oben beschriebenen Einbeinstativ montiert. Es sind hier gestellte Bilder, um die Möglichkeiten und Wirkungen verschiedener Licht-Richtungen zu zeigen. Im ersten Beispiel habe ich den Blitz an dem Stativ weit nach unten gehalten um ein so genanntes ›heroisches Bühnenlicht‹ zu erzeugen. Durch die kurzen Verschlusszeiten dunkelt der Hintergrund stark ab und das Motiv wird extrem hervorgehoben. Hier wird auch der Tag zu Nacht gemacht – ein Hollywood-Trick aus Celluloid-Zeiten. Und zugegeben: Fotos von Weegee waren Inspiration für diese Bilder.

Im nächsten Beispiel führe ich den Blitz ca. 1 m oberhalb und etwas rechts von der Kamera. Dieses Licht würde ich als ›Hochfrontal‹ bezeichnen. Mit ein bisschen Übung hat man die Positionen für den Blitz recht schnell im Gefühl, um bestimmte Lichtsituationen zu erzeugen.

In einem anderen Bild vom Schlagermove 2014 hebt Ralf Niemzig die verspiegelte Sonnenbrille eines Teilnehmers mit dem Blitz hervor. Auch beim Blitzen durch (Schaufenster-) Scheiben kann der entfesselte Blitz nützlich sein. Reflexionen lassen sich damit entweder gezielt steuern oder, je nach Motiv, aber auch halbwegs vermeiden.
Damit sind die Möglichkeiten aber noch nicht ausgeschöpft, um mit einem Blitz ein Foto so aufzunehmen, wie man es vor seinem inneren Auge wahrnimmt. In den vorangegangenen Beispielen hab ich die Möglichkeit hervorgehoben, bei kurzen Verschlusszeiten blitzen zu können. Die Kombination aus langen Zeiten und Blitz hat aber auch Charme: Die Synchronisation auf den auf den zweiten Verschlussvorhang sorgt dafür, das bei bewegten Motiven die richtige Bewegungsrichtung vermittelt wird. Lichter von Fahrzeugen zum Beispiel erzeugen dabei Lichtspuren und der Blitz friert am Ende die Bewegung ein und bildet dabei das bewegte Objekt scharf ab.

Mit einem Blitz kann man aber auch bei anderen Motiven statische und dynamische Elemente kombinieren. Selbst wenn sich wenig bewegt, kann man durch Blitzen und Bewegen der Kamera diese Effekte erzeugen und so Motivteile hervorheben. Durch Nutzung des Zoom-Reflektors oder kleinen Lichtformers kann ich den Abstrahlwinkel des Blitzes kleiner machen als den Aufnahmewinkel des Objektivs. Auch damit lassen sich Details hervorheben bzw. natürliche Vignetten erzeugen.

Und eine der am naheliegensten Möglichkeiten wäre mir da jetzt fast noch durchgerutscht: Ich kann mit einem separaten Blitz durch die Schwenkmöglichkeit natürlich auch indirekt blitzen, solange mir eine entsprechende reflektierende Fläche zur Verfügung steht. Indoor gegen die Decke, Outdoor zum Beispiel gegen eine weiße Wand.

Neugierig geworden?
Einfach mal ausprobieren, es lohnt sich!