›Global family‹ … zur Hochzeit nach Indien …

// AXEL SCHÖN  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

 

Es ist jetzt einige Wochen her – im frühen Winter 2017 – da teilte mir Axel Schön mit, er würde zu einer Hochzeit nach Indien reisen. ›Eher privat … eine Nachbarin hier vom Studio, die in der Ladenzeile ein Geschäft hat, besucht anlässlich einer Hochzeit ihre Familie‹. Natürlich wollte ich gleich wissen, ob er dort auch ein Fotoprojekt machen wollte, aber er ließ das erst mal offen: ›Keine Ahnung … ich weiß noch nicht so recht, was da auf mich zukommt.‹ Aber wenn man Axel kennt, weiß man umgekehrt: Ohne Kamera geht er nicht aus dem Haus, er ist unter den vielen Fotografen, die ich kennengelernt habe, derjenige, der verlässlich selten ohne Kamera anzutreffen ist … quasi die Nase immer am Boden auf einer Fährte …

Und das war auch auf dieser Reise so: Axel legte sich vor diesem Projekt kein schriftliches Konzept zurecht, aber, wenn man nachträglich in hunderten Bildern nach einem Faden sucht, ist der immer schnell aufzugreifen. Mal davon abgesehen, dass ich die wirklich unwichtigen Bilder vermutlich nicht zu Gesicht bekomme, war in diesem Fall das Thema deutlich und naheliegend. Die Bilder erzählen einfach das was passiert ist: Eine indischstämmige Frau, die aufgrund des umtriebigen Vaters in Thailand aufgewachsen ist, wird zur Ausbildung nach Europa geschickt und bleibt nach diversen nordeuropäischen Stationen der Liebe wegen in Kiel hängen. Wenn wir uns umschauen, müssten wir zugeben: In unserer täglichen Umgebung sehen wir Viele, deren Wurzeln offensichtlich nicht aus der jeweiligen Gegend stammen. Aber wir machen uns viel zu selten ein konkretes Bild davon, welches Schicksal, welche Geschichte dahinter steckt. Und – wie in diesem Fall: Was es bedeutet, wenn eine Familienfeier mit einer aufwändigen und teuren Anreise verbunden ist. Und hier beginnt die Geschichte, die Axel Schön uns mit diesen Bildern erzählt. Eine Bildserie von einem Besuch, nach vielen vielen Jahren der familiären Trennung, anlässlich einer Hochzeit. Hier begegnen sich enge Verwandte, die sich jahrzehntelang nicht gesehen haben und feiern ein Familienfest. Es ist die Geschichte von Nähe in einer globalisierten Welt.

Natürlich gehört zu dieser Geschichte auch das Erkunden der exotischen Umgebung. Nicht nur, weil das für Axel Schön zu seiner professionellen Routine gehört. Im Grunde begleitet er seine Nachbarin in eine ehemalige Heimat, die auch für sie nach vielen Jahren fremd geworden ist und daher im Vorführen vor dem ausländischen Gast auch für sich selbst erforscht werden kann.

Was mir bei Axel Schön bisher nie aufgefallen war, wird hier jetzt deutlich: Ein Fotograf, der immer seine Kamera ›im Anschlag hat‹ macht logischerweise das, was allgemeinhin ›Streetphotography‹ genannt wird. Denn sobald ein Stadtbewohner wie er, das Private verlässt, ist er auf der Straße. Nur entstehen in nordischen und nordöstlichen Gefilden, die bisher eher Axels Domäne sind (er spricht neben Englisch fließend Russisch), dann durchaus auch ‚Architektur-Stilleben, (siehe > St. Petersburg) die weniger typisch für dies Gattung der Fotografie sind. In Indien, wo klimabedingt Arbeit, Essen und – wir werden das gleich sehen – Feiern auch auf der Straße stattfindet, ist es tatsächlich Straßenleben, was wir sehen.

Dass indische Hochzeiten Tage dauern, war mir durchaus bekannt, bevor ich diese Bildserie von Axel erklärt bekommen habe. Mein Vorstellung war aber irgendwie eine andere: Selbst vor Ort blieb es Axel Schön teilweise verborgen, was sich da alles abspielte, weil er im Haus des Bräutigams untergebracht war.

Mit Tüchern und Baldachinen wird aus der Gasse ein Wohnzimmer, hier leiten Musiker die Feier ein und auch die Friseurin arbeitet unter freiem Himmel.

Denn Braut und Bräutigam sehen sich erst bei der finalen Zeremonie im Tempel. Die vielen vorbereitenden kleinen Tanzfeste in der Nachbarschaft, das gemeinschaftliche Vorbereiten des Essens, die verschiedenen Gänge zu Tempeln mit Weihungen sind hier nur sehr fragmentarisch zu sehen, da der ausländische Beobachter halt  nicht überall sein konnte. Aber überall war eine fröhliche und für deutsche Augen erstaunlich entspannte Stimmung.

Vielleicht sollten auch hierzulande die Hochzeiten wieder nach alter Sitte streng getrennt vorbereitet werden und erst zum Austauschen der Ringe die ersten Worte zwischen den Brautleuten gewechselt werden.