// David Shokouhbeen  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Ene, mene, meck …

… ein Abzählreim aus Kindertagen, der es bis zu Wikipedia geschafft hat. Aber warum steht dort nix davon, dass das eine Stilvorlage oder ein Unter-Genre der Straßenfotografie sein könnte? (Weiter geht der Reim übrigens mit »… und Du bist weg.«) …

Ein (wenn auch junger) Meister dieser ›Du-bist-weg-Methode‹ ist der Fotostudent David Shokouhbeen aus dem Rheinland (so ungenau formuliert, weil er Kölner war, als ich ihn vor einigen Monaten kennengelernt habe, jetzt in Düsseldorf wohnt und etwas abseits des Rheinlandes in Essen an der renommierten Folkwang studiert). 
> davidshokouhbeen.com

Gleichzeitig ist David auch Mitglied in einem Künstler-Kollektiv: > STREET PHOTOGRAPHY COLOGNE

 

 

›Hide&Seek‹, was ja im Grunde die englische Übersetzung unseres Kinderspiels ›Verstecken‹ ist, heißt eine Serie, die vergangenes Jahr in Essen ausgestellt wurde. Sie zeigt Menschen in unserer alltäglichen Umgebung, die sich vor vermeintlichen Suchern verstecken … sie huschen an uns vorbei und machen sich unerkennbar. Oder will der Fotograf sie unerkennbar machen? … den Datenschutz foppen? Wohl kaum. Auf den Bildern sehen wir eigentlich die ganz gewöhnliche städtische Normalität: Wir bewegen uns im Grunde permanent beobachtet unter unseren Mitmenschen, sehen auf unserem Weg zur Arbeit vermutlich hunderte von Menschen aber vermutliche sehen wir sie eigentlich nicht. Wenn sie nicht durch außergewöhnliche Attribute auffallen rauscht die Massen unerkannt und unbewusst an uns vorbei. Das ganz normale Versteckspiel des Alltags.

Und genau dieses Phänomen macht David Shokouhbeen zu einem seiner Themen, wenn er mit der Kamera unterwegs ist. Er rückt den Menschen oft direkt auf die Pelle, denn (er arbeitet mit der diskreten GR und die hat bekanntlich eine weitwinklige Festbrennweite: 28 mm KB-äquivalent) er will nicht aus sicherer Distanz, wie vom Hochsitz aus, warten und im richtigen Moment abdrücken … hier ›schießt‹ einer aus Sichtweite und daher ist auch der Betrachter eng am Geschehen. Der Blickwinkel ist so normal, wie das Umfeld. Irgendwo in einer Stadt, in einem Park, in einem Durchgang … die räumliche Situation ist zwar genau komponiert und David korrigiert am Ende den Ausschnitt nur minimal. Aber wir sind direkt dabei. Denn das Sehfeld ist so wunderbar weit wie unser Blick, wenn wir unterwegs sind. Und aus dieser Normalität, dieser Alltäglichkeit, fischt David diese kleinen besonderen Momente heraus. Einerseits den Sekundenbruchteil des viel zitierten ›besonderen Augenblicks‹, andererseits den einzigen Blickwinkel, der die Geschichte erst erzählt. Das ist sehr, sehr pure Fotografie.

Wenn das Sehfeld unserer Augen und die Brennweite der Kamera so ähnlich sind, wie bei der GR, ist besonders der Moment das Merkmal, das die Fotografie vom menschlichen Sehen unterscheidet: Aus dem kontinuierlichen Fluss unseres Sehens den Bruchteil einer Sekunde herauszuschneiden, der die Absicht des Fotografen auf den Punkt bringt. Und dann auch noch vorauszusehen, dass das spätere 2-dimensionale Foto die Irritation enthält, die der Fotograf nur erahnen kann. Das zu beherrschen ist nicht jedem, auch nicht jedem Fotografen, gegeben.

 

 

 

Allerdings kann man sicherlich nicht behaupten, dass nur, weil es schwierig ist, dies ein einmaliger Ansatz ist – auch andere Straßen-Fotografen haben dieses Talent. Aber jeder von ihnen gibt seiner Arbeit Wesenszüge mit, die den Serien im Ganzen betrachtet eine persönliche Note verleihen: Bei annähernd allen Arbeiten, die David mir vorgelegt hat, musste ich nach einem kurzen Moment schmunzeln, war angenehm überrascht … der Witz, das Absurde drängt sich nicht vordergründig auf sondern schleicht sich ein wenig an. Nicht erst nach minutenlanger Betrachtung – aber doch erst im zweiten Augenblick. Und wirkt auch noch, wenn man das Bild öfter betrachtet. Dass hier niemand vorgeführt wird und man zum Auslachen animiert wird, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen. Betrachter und Protagonisten (sofern sie sich wiedererkennen) werden hier verbunden und man lächelt gemeinsam über das Lustige, Ungewöhnliche, Unabwägbare des Lebens. Hier betrachtet ein warmherziger Zeitgenosse sehr genau das Leben und dessen Auswüchse und macht sich nicht lustig, um auf Kosten anderer sich hervorzutun. Diese Bilder leben nicht davon spektakulär zu sein – sie kommen normal daher und überraschen auf den zweiten Blick..

 Das mag daran liegen, dass David Shokouhbeen vor seinem Studium schon eine vollständige Lehrerausbildung absolviert hat und es versteht als Teamplayer mit Menschen umzugehen. Und er hat familiär orientalische Wurzeln. Das erklärt nicht nur, dass viele Bilder im Iran entstanden sind – dass der Tschador auch etwas mit Verstecken zu tun hat, ist Teil seiner kulturellen Identität und fällt ihm daher eher auf …

 

… dass schwarze Steppjacken eine ähnliche Wirkung haben können, zeigt wiederum seinen besonderen Humor.