»Horse with no man«

// Fred Hüning  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Es ist schon einige Jahre her, dass ich das erste Mal Bilder von Fred Hüning gesehen habe: Es war eine Gruppe von Familienbildern; Bilder die elementar einfach gemacht waren, Bilder ohne Sensation aber mit einer stillen Wucht der Nähe. Kurz darauf fand ich in einer Ladengalerie ein Buch von Fred: ›ONE CIRCLE‹. Es war in Berlin und der Laden wurde von Hannes Wanderer geführt, der hier unter anderem die Bücher seines Verlages Peperoni Books präsentierte (diesen Laden gibt es leider nicht mehr: Hannes Wanderer, leidenschaftlicher Verleger, Buchgestalter und Buchladenbetreiber – eine echte fotografische Instanz – ist Ende 2018 verstorben). Natürlich konnte Hannes Wanderer als Verleger von ›ONE CIRCLE‹ ein wenig den Hintergrund des Buches erhellen, aber die Bilder, die ich in der Ausstellung gesehen habe, waren in dem Buch nicht enthalten ... es waren wieder Familienbilder und auch diese Bilder hatten eine ungeheure Intensität und Nähe: Es geht offensichtlich um eine innenfamiliäre Katastrophe, die subtil angedeutet wird. Es geht aber auch um das Leben, das weitergeht. Es ist die Nähe, die das Leben weitergehen lässt.

 

Als ich vor einiger Zeit Fred darauf ansprach, was denn sein großes Thema in seiner Arbeit als Fotograf ist, meinte er: »Schönheit und Vergänglichkeit, Leid und Lust, Leben und Tod, Liebe und Sex, Mutter und Kind, Gesellschaft und Nähe ... – universelle Themen, die ich in meinem ›inner circle‹ finde und dann versuche sie fotografisch zu allgemeingültigen Aussagen zu formulieren.«

Die hier erwähnten Bücher ›one circle‹ und ›two mothers‹ kann man im Buchhandel oder (besser) > hier bestellen.

Wir leben in einer globalisierten Welt und zerstörerische Flutwellen, atomare Verseuchungen am anderen Ende der Welt, sind Themen, die uns zeit- und hautnah erreichen, die uns betreffen und Teil unseres Lebens werden: Plötzlich kleben Informationen zu radioaktiver Bestrahlung auf meiner Teepackung, die ich jeden Tag in die Hand nehme.
Und ganz unglobal, unsensationell und vermeintlich ohne Überraschung fotografiert ein Künstler sein Familienleben auf eine Art und Weise, dass ich verblüfft an den Bildern stehen bleibe, mich interessiere und mir Bücher von diesem Fotografen kaufe ... ›Nähe‹, ›Gemeinschaft‹ scheinen offensichtlich ein inzwischen überraschendes Thema zu sein. 

 In meinem Bücherregal taucht das Thema ›Familie‹ selten auf. Das macht mich stutzig und mir kommt ein Vortrag von Mathias Horx, einem Zukunftforscher aus Wien, in den Sinn, der in drei Grafiken den gesellschaftlichen Wandel des Zusammenlebens illustriert hat: War in der Zeit vor den Weltkriegen die Großfamilie noch die zahlenmäßig deutlich größte Bevölkerungsgruppe in unserer westlichen Gesellschaft, war später zu meiner Kinderzeit in den 60er- / 70er- Jahren schon die Kleinfamilie mit 2 bis 3 Kindern das offensichtlich begehrenswerteste Lebensmodel. Und heute bilden Ein-Personen-Haushalte die größte Gruppe unserer Gesellschaft. Beleuchtet Fred Hüning also quasi eine aussterbende Idee, wenn er Familienbilder macht? ... bahnt sich da im Schatten großer Umweltkatastrophen eine soziale Umwälzung an?

Er sagt, es gehe ihm um etwas Universelles, etwas, das naturgemäß vorhanden ist: »... sich der Nähe nähern« Und auch, wenn mancher Leser schon gedacht haben mag ›was redet der von Familienbildern und zeigt hier aber was ganz anderes?‹ ... auch bei der neuesten Serie von Fed Hüning nähert er sich der Nähe. Mag etwas etwas verwundern, aber ›universell‹ kann durchaus bedeuten, das auch für Pferde gilt, was für Menschen gedacht war. 

Aber fangen wir das Thema ›Horse with no man‹ von vorne an: Fred Hüning wuchs seit 1966 in der Schleswig-Holsteinischen Provinz auf. »Ich war als kleiner Junge natürlich Western-Fan, bin auch mal irgendwann geritten aber in erster Linie fotografiere ich schlicht, was ich sehe: Und Pferde stehen nun mal überall rum ...« Das gilt vor allem für eine der Galerien, in denen er ausstellt, wo der Ort nicht nur einen bezeichnenden Namen hat: Hoppegarten (östl. Berlin) – sondern: In diesem Ort gibt es auch eine bekannte Rennbahn. Dass dort also ›überall Pferde rumstehen‹ leuchtet ein. Schon in einer seiner früheren Serien hatte er ein wichtiges Motiv mit einem Pferd ... das hat er jetzt einfach mal konzentrierter umgesetzt. 

»An Pferden reizt mich eine besondere Schönheit, die Eleganz der Bewegung ... diese Körper, die wie Skulpturen sind.« Und das setzt er in Bildern um, die jedem Tier seine besondere Individualität und Natürlichkeit lassen. Wie auch in seinen anderen Arbeiten wird hier nicht gefiltert, getrickst und durch Nachbearbeitung ein Heldenbild erzeugt. Fred Hüning nimmt die Motive, wie sie sind, nähert sich und schaut einfach zu. Dabei vermeidet er ganz intuitiv die bekannten Posen, sucht in den Tieren nicht das vermeintlich Menschliche. Diese Bildreihe ist ein Besuch auf dem Land, sie versprüht die Atmosphäre, die Pferden einfach so zu eigen ist. Man hört quasi das Rupfen beim Grasen, das Schnaufen ... und spürt auch die Wärme, die diese großen Tiere ausstrahlen. Und, wenn man beim Betrachten der Bilder dann so nachdenkt, wie man das später in einem Text so beschreiben sollte, kommt wieder dieses eine Wort: Nähe.

Die Arbeiten ›Horse with no man‹ sind vom 30. April bis 04. Juli 2019 in der Rathaus Galerie Hoppegarten (Lindenallee 14 in Hoppegarten) zu sehen. Und mehr Bilder und vor allem Bücher finden Sie unter: > fredhuening.de