Im Fluss der Straße

// Jens Franke  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Das Jahr 2018 scheint mir unter einem guten Stern für Straßenfotografen zu stehen – nicht, dass das ungewöhnlich sonnenintensive Wetter im Sommer daran schuld sein kann: Mir scheint es, eher durch völlig zufällige Zusammenhänge, besonders viele Ausstellung zu dem Thema zu geben: Diverse Einzelausstellungen von Fotograf*innen aber auch die fantastische Überblick-Schau im Haus der Photographie in Hamburg ›[SPACE] Street Photography aus sieben Jahrzehnten‹ (bis 21.10.2018).
Und dann meldete sich Jens Franke per Mail und ich lernte auf diese Weise einen GR-Fotografen kennen, der sich intensiv mit Straßenfotografie beschäftigt. … soll das alles Zufall sein?

Street Photography?

Aber ich beginne erst mal mit einem Thema, was besonders dieses Genre der Fotografie ausmacht: Es lässt sich nicht gerne in eine  Schublade stecken. Dass Henri Cartier-Bresson mit seiner Fotografie des entscheidenden Augenblicks sicherlich ein Dreh- und Angelpunkt der Definition ist, könnte man als unumstößlich ansehen. Nur – das ist inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert her. Einen weiteren Fixpunkt bildet der Ort im Namen: Die Straße; dies ist der Arbeitsraum. Nicht das Studio, nicht die freie Landschaft und auch nicht private Innenräume: Es geht um den öffentlichen Raum, etwas grob mit ›Straße‹ umschrieben. Soweit ist das wahrscheinlich konsensfähig. Aber darf man auch vor der Kamera die Protagonisten oder das Sujet inszenieren und nicht nur mit der Kamera? … wie steht es mit späteren Manipulationen in Photoshop? Hier spannt dieses Genre einen weiten Bogen von der Wahrheit verpflichteten Arbeiten bis hin zu sehr konzeptionell angegangenen Serien. Und genau dieser weite Spielraum im Straßenraum macht diese Art der Photographie so vielfältig und im Moment so lebendig.

Und Jens Franke?

… der geht das entspannt an. Denn so ist er zur Street Photography gekommen. Er entdeckte Spaziergänge als eine großartige Möglichkeit zu entdecken, sich einzulassen. Und indem er ›in einen Flow gerät‹ kann er sich dabei sogar entspannen. Das habe ich auch schon von anderen Fotografen so gehört. Oliver Krumes, den ich hoffentlich auch bald hier auf der PxP-Site vorstellen darf, bezeichnet seine Arbeitsweise als Meditation.

Jens begann mit dieser Art sich treiben zu lassen und das in Bilder zu fassen bei einem Studienaufenthalt in Rio/Brasilien. Um dem Überfluss an Eindrücken gerecht zu werden und daran nicht zu verzweifeln tauchte er in diesen fremden Ort ein, nahm die Strömung an und reagierte einfach intuitiv. Und Intuition gilt ja nicht umsonst als eine hohe Form der Intelligenz. Sie verbindet das bewusste Wissen mit dem unbewussten Gefühl und schöpft daher aus allen Quellen, mit denen wir unsere Umgebung aufnehmen und beurteilen können. Das erklärt, warum mir die Bilder von Anfang an als kluge Beobachtungen auffielen. Hier drängt sich keine konzipierte Idee in den Vordergrund, an der man jedes Bild messen will. Die Bilder sind wie sie sind …
Das Einzige, was ein wenig nach Konzept klingt, wenn man sich mit Jens über seine Arbeit unterhalt, ist die Tatsache, dass es ihm nicht wichtig ist, die Bilder präzise zu verorten: Es sind Straßenbilder und was zählt ist der eingefangene Moment. Es ist die Konstellation von Menschen zueinander oder im vorgefundenen Straßenraum. Egal ob das in Stuttgart, München oder Berlin ist. Und damit ist er klar in der Tradition der großen Straßenfotografen. Die wollen ja letztendlich auch keine Reiseberichte machen, sondern das Leben der Straße dokumentieren. Das ist der Kern.
Bei vielen Bildern fielen mir – sagen wir mal vorsichtig – Anklänge an große Klassiker auf: Da sind die teils flächigen Farbkompositionen eines Saul Leiters zu erkennen, das surreale Moment, wie es Alex Webb gerne zeigt. Auch direkte Zitate wie Pfützen- oder Glasspiegelungen vom Altmeister aus Frankreich oder Lee Friedländer sind dabei. Und viele andere Parallelen. Aber tatsächlich nur Anklänge. Die Bilder haben in ihrer sanften Anlehnung an Vorbilder eine ganz eigenen Linie, einen stillen Zusammenhang. Das fällt auf, wenn man die Instagram-Seite betrachtet: jensfankephotography. Das ist ja immer ein ›Teller Buntes‹. Und das kann schon mal wehtun, wenn da Schwarz/Weiß und Farbe, Street und Porträt wild zusammentreffen. Aber hier merkt man, dass da eine ganz eigene schon gefestigte Sprache gesprochen wird, die alles zusammenhält. Und das hier mit sehr viel Leidenschaft gearbeitet wird …
Und wie so oft, wenn Leidenschaft und Engagement eine wichtige Rolle spielt: Auf die Frage nach dem alltäglichen Berufsleben, werde ich überrascht. »Nein … meine Geld verdiene ich als Designer bei einem großen Filmkamera-Hersteller« … und wer dann noch weiß, dass Jens Franke in München lebt und arbeitet, dem ist auch klar, wer dieser Arbeitgeber ist. Da ist er sicherlich schon in der Welt des Bildes, der Optik, der Mechanik und was alles eine Nähe zur Fotografie schafft. Aber er arbeitet nicht direkt als Fotograf. Fotografieren ist nebenberuflich und somit frei von Auftragszwängen und Wirtschaftlichkeit … und wie so oft macht diese Freiheit leidenschaftlich …

Die Arbeiten von Jens Franke kann man in Ausstellungen sehen, er hat eine bei Blurb veröffentlichte Publikation herausgebracht und hier ist sein Webauftritt: → jensfranke.photography