»Als Fotograf bin ich ein Anderer …«

// Jens von Ewald  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Fotografie kann ein Mittel sein, sich selbst zu fordern. Also ein Therapeutikum? … oh je. Das würde ja voraussetzen, dass ein krankheitsähnlicher Zustand vorliegt. Das sehen viele Fotografen, die mit der vollen Wucht ihrer Leidenschaft der Fotografie nachgehen, eher umgekehrt: Das Virus heißt ›Fotografie‹ und der Krankheitsverlauf kann entlang eines Weges gehen, wie ihn Jens von Ewald gegangen ist.

»Vor einigen Jahren hatte ich einfach mal Sehnsucht nach ein wenig Zeit für mich« … einfach mal alleine unterwegs sein. Und das mal für paar Tage und nicht nur für paar Stunden. Nicht weit von seiner Heimatstadt Emmerich am Rhein nahm er Quartier im Siegerland und nahm sich vor, zu wandern. Ich kann das gut nachvollziehen: Mir hat mal jemand gesagt, dass der menschliche Organismus so gebaut ist, dass man beim Gehen am besten nachdenken kann. Oder mindestens seine Gedanken sortieren kann.

‚Als ich Jens von Ewald gefragt habe ob man das ›pilgern‹ nennen könnte, war er einverstanden: Nicht religiös und mit großem programmatischem Konzept sondern einfach nur so … (Haus & Hof sind organisiert, das Leben plätschert so vor sich hin, die Kinder in der Pubertät … wenn das nicht Gründe genug sind.)

Und, wenn man mit dem Vorsatz »mal seh’n‹ losgeht, will man auch festhalten, was man sieht; also war eine kleine Kompaktkamera im Gepäck. Nix für Kunstfotografie … was zum Knipsen. Und es kommt, wie man es hier erwarten kann: Einige der Bilder haben ›ping‹ gemacht. »War’n zwar eher nur so Blümchen …« aber der Virus war im Organismus fest verankert. Ich ahne, hier werden jetzt einige Leser wissend nicken.

Wir überspringen jetzt mal die üblichen Phasen der Suche, die übrigens nicht lange gedauert hat: Die Reise ins Siegerland war 2012 … Jens von Ewald, der Jahrgang *68 ist, ist quasi Späteinsteiger. Denn in der Jugend hat die vom Vater geschenkte Kamera nur zu einer unengagierten Probierphase getaugt. War schnell vergessen …

Das Virus heißt hier nämlich nicht nur ›Fotografie‹ sondern mit Vornamen ›Street‹. Dort, im öffentlichen Raum, in seiner direkten Umgebung, hat Jens von Ewald einige ganz persönliche Herausforderungen an sich selbst mit Fotografie gelöst.

Ich habe mir mal zwei Serien herausgepickt. Die erste ist in seinem Blog ›Strassengeier‹ sehr salopp mit ›ich scheiß’ auf’s Histogramm‹ betitelt. Das lässt wenig erwarten. Aber zu sehen bekommt man dann eine Reihe von Bildern, die sehr akribisch komponiert wurden: Hier sitzt der Ausschnitt; der Blick wird unmißverständlich geführt. Der extreme Kontrast hat eine deutlich dienende Funktion und ist nicht trotzig / rotzig eingesetzt, wie man es durch den Titel erwarten würde. Hier bekommt man zu sehen, was gezeigt werden soll – der Kontrast führt den Blick. Einfach mal weniger als mehr (bzw. weniGR als mehr … sorry. Das musste ich jetzt mal schreiben :- ). Es gibt andere Strömungen in der Street Photography, die laden den Betrachter zu einem Spaziergang im Bild ein. Da verlangt das Lesen etwas Zeit und gelegentlich können im Auge des Betrachters auch mehr als nur eine Betrachtungsmöglichkeit entstehen. Hier kommt man schnell zum Punkt.

Jens von Ewald führt die Augen präzise an Fluchtlinien, bettet den Blick in grafische Muster und konzentriert sich auf einzelne Figuren im Bild, die ganz bei sich ihrer eigenen Wege gehen. Menschen auf Bühnen, die ihnen zu groß zu sein scheinen: »Ich will hier raus …«

Diese Bilder sind nicht aus der Hüfte geschossen und rein zufällig passiert: Dieser Fotograf fühlt sich in den Straßenraum ein, nimmt sich Zeit für die Situation und beginnt dann zu warten was passiert. Dass das dauern kann, ist klar. Solche Bilder benötigen Geduld. Und dazu einen sorgfältigen, ordnenden Blick für die Übersetzung des Raumes in das zweidimensionale Bild.

Und jetzt kommt etwas, was den Vorgang therapeutisch macht. Im Gespräch verrät mir Jens von Ewald, dass er ein ungeduldiger Chaot ist. Im Klartext heißt das: Der Schöpfer ist das Gegenteil seiner Schöpfung. Wie spannend.
Betrachten wir eine weitere Serie: Porträts, die ganz offensichtlich auf offener Straße entstanden sind. Geradeaus, nah und offen. Und zu meinem Erstaunen gesteht der Fotograf: »Ich war früher zu schüchtern nach dem Kassenbon zu fragen …«
Auch bei diesen Bildern offenbart der Fotograf, dass seine Fotografie nicht sein natürliches Wesen offenbart … hier geht einer raus aus der Deckung und in die Offensive. Nicht ganz so heftig, wie der schottische Fotograf Dougie Wallce, aber unmissverständlich erkennbar.

»Eigentlich geht es mir zunächst mal darum, Fremde kennenzulernen, ins Gespräch zu kommen. Erst dann geht es mir um das Bild.« Der ehemals Schüchterne nutzt also die Kamera, um die ungeliebte innere Hürde zu nehmen.

Die Jagd ist das Ziel, nicht die Beute …

Glücklicherweise kommt hier keiner zu Schaden, sonst wäre das eine unmoralische Sache. So ist es ein Win-Win-Situation: Jens von Ewald genießt die Pirsch und wir die Bilder.