»Ich sammle Momente …«

// JULIA ERZ  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Obwohl ich vor gar nicht so langer Zeit mit dem Bericht über Fred Hüning einen Fotografen besprochen habe, der sich dem Thema ›Nähe‹ und seinem allernächsten Umfeld, seiner Familie, widmet, bin ich trotzdem, erstaunt, dass dieses Thema merkwürdig selten sichtbar wird. Es scheint, als wäre das ein rein privates Genre der Fotografie. Aber, wenn ich folgendes Bild sehe, kann man hoffen, dass da eine neue Generation von Fotografen heranwächst, die sich der Familienreportage widmen …

Und weil dieses Thema in der Fotografie so selten vorkommt, habe ich mich gefragt, ob es vielleicht besonders schwer ist, die Kamera auf sein ganz persönliches, privates Umfeld zu richten. Die Antwort von Julia Erz hat mich überrascht: »… im Gegenteil – zu Hause bin ich unbefangen und auf das Fotografieren konzentriert. In fremden Umgebungen fällt mir diese Konzentration schwerer …«
Überrascht hat mich diese Antwort, da ich von vielen Reportage-Fotografen weiß, dass sie erst durch eine fremde Umgebung die innere Einstellung auf ›Berichterstattung‹ umschalten können … für den Blick auf die eigene Umgebung, die persönlichen Dinge der Alltäglichkeit fehlt diesen Fotografen der nötige Abstand. Und vielleicht auch die notwendige Faszination. 
 
Ganz anders bei Julia Erz. Angefangen hat es allerdings wie millionenfach vorher. Mit dem ersten Kind wird aus einem Paar eine Familie und als wäre es ein Reflex: Diese Zeit, dieser besonderste Moment im Leben, muss dokumentiert werden. Aber aus diesem durchaus üblichen Anfang wuchs mehr: Diese Bilder hatten mehr Bedeutung als sie einfach nur zu Familienanlässen herumzuzeigen. Nicht einfach nur ›so ist es gewesen, damals‹ … diese Bilder geben etwas zurück. Erst mal an die Fotografin. Julia Erz begann die Bilder aufzubereiten und zu Jahresdokumentationen zusammenzufassen. Im Grunde also wie klassische Fotoalben. Jedes Jahr in einem Buch. Aber als ausgebildete Psychologin sieht die Fotografin mehr als nur Erinnerungen. Im Bild lassen sich Zusammenhänge erkennen, Muster, … Schwingungen. Das vielzitierte ›Fotografie mach sichtbar‹.
Aus diesem Erleben wird der Wunsch, das zu vertiefen, die Leidenschaft zu verstehen. Im Interview sagt Julia Erz »Sinnhaftigkeit zu schaffen«. Sie schaut im Internet nach anderen Gleichgesinnten, nach Fotograf*innen, die mit der Kamera in der Familie gearbeitet haben. Sie findet Reportagen über dramatische Familienerlebnisse aber auch Berichte über Familienglück. Und sie findet ein Vorbild, eine amerikanische Fotografin, bei der sie Online-Seminare macht. Ab da ist klar, dass diese Tätigkeit nicht nur eine Beschäftigung zur Entspannung ist. Fotografie wird zu einer Sprache, wird zu einer Form sich und andere zu verstehen und verständlich zu machen. 

Das macht Julia Erz inzwischen nicht nur in den eigenen vier Wänden. Mal davon abgesehen, dass die inzwischen 5-köpfige Familie nicht viel Zeit lässt große Projekte zu entwickeln – aus dem Sammeln der eigenen Familienmomente wurde 2015 ein Nebenjob, diese Momente auch in anderen Familien zu finden. Den Wert des täglichen Familienglücks oder auch Unglücks festzuhalten: Geburtsbegleitung, Sterbebegleitung und Familienreportagen. Dabei geht sie zu mehreren Terminen in die Familien, lebt für einige Stunden mit ihnen und begleitet etwas Familienlebenszeit. Es geht nur um das ›dabei sein‹ und darum, unmerklich Bilder – also Momente – festzuhalten, die alltäglich, normal und völlig umgestellt sind. ›Echt, rund, authentisch … kein Posing, keine Inszenierung.‹ Die Bilder müssen nicht gefallen, sondern erzählen. »Der erste Termin ist oft noch sehr befangen, man braucht Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen. Aber es kommt der Moment, wo ich als Fotografin gar nicht mehr da bin. Und dann entstehen die Momente, die ich suche«. 

Die Serie oben, die sie sehen, wenn Sie auf das Bild klicken, zeigt die Zeit kurz vor und nach der Geburt des eigenen, dritten Kindes.  Mehr von der Familienfotografin Julia Erz finden Sie hier:

> juliaerz.com

Beim Betrachten der Bilder fällt auf, dass hier nicht die Faszination von Besonderheiten zu sehen ist. Hier fasziniert das Normale, das in der Fotografie heute merkwürdig besonders ist. Die Anziehungskraft liegt auch darin, dass gar nicht erst die Frage aufkommt, wer denn da abgebildet ist. Es geht meist um Momente, die in unserem Erfahrungsschatz verinnerlicht sind: Das Warten im Krankenhaus, die balgenden Kinder, die Großmutter, die mit den Enkeln spielt … kennen wir. Aber erst mit diesen Bildern dämmert es, dass das unendlich besondere Momente sind. Wir können in den Momenten anderer unsere eigenen als wertvoll sehen. Denn Julia Erz hat sie für uns gesammelt.