Julia Steinigeweg
*1987
Berlin / Deutschland
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Instagram: juliasteinigeweg

// JULIA STEINIGEWEG  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

 

 

»Erzählte Porträts«

Mit zwei Büchern, vielen Veröffentlichungen und Ausstellungen in renommierten Galerien hat Julia Steinigeweg als junge Fotografin schon sehr viel erreicht.
Zur Fotografie kam sie zu Beginn ihres Kommunikationsdesign-Studiums. Ihr Foto-Professor Vincent Kohlbecher an der HAW / Hamburg drängte sie nach dem Pflichtkurs in der Fotografie weiterzumachen. Bis dahin war Fotografie eher nebensächlich, obwohl sie schon seit ihrer Jugend eine Kamera besaß. Zeichnen und Malen waren die Einstiegs-Motivation für ein Design-Studium gewesen. So wurde ihre Masterarbeit an der HAW ›Ein verwirrendes Potenzial‹ ein Fotoprojekt. Diese Arbeit wurde für die Ausstellung ›Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie‹ (2016/17) ausgezeichnet und gleichzeitig bei Peperoni Books als Buch veröffentlicht. Es folgte ein Fotografie-Studium in der freien Kunst (HfbK Hamburg) und 2020 schließt sie darüberhinaus auch noch ein Germanistik-Studium ab. Parallel dazu arbeitet Julia Steinigeweg als Fotografin für Zeitschriften/Zeitungen wie z. B. ›GEO‹ oder ›Die Zeit‹. Ihre Arbeiten balancieren gerne zwischen Erzählung und Dokumentation, frei und angewandt. »Fotografie geht zwar immer vom Realen aus aber das ›wie?‹ ermöglicht sehr viel Fiktion. ›Dabei kann ein vorgegebener Auftrag durchaus gleichzeitig eine freie Arbeit werden – ganz nach Auswahl, Bearbeitung und meiner Herangehensweise mit entsprechend offenen Konzepten.‹ Die folgenden Arbeiten entstanden mit der PENTAX 645Z, von der Julia Steinigeweg sagt: »In diesen Bildern steckt mehr, als man vorher gesehen hat, man kann darin entdecken, riechen, fühlen …«

Die beiden Projekte von Julia Steinigeweg, die wir hier vorstellen, haben den großen Zusammenhang, dass sie im weitesten Sinne Porträts ›erzählen‹ … also nicht als Einzelbild eine oder mehrere Persönlichkeiten ›festhalten‹ oder gar in Stein meißeln, sondern als Bildfolge mit Situationen, Stills und Porträts einerseits um die behandelte Person kreisen, andererseits die Geschichte beflügeln, die dann im Text der Reportage berichtet wird.
Im Fall des ›Scumeck Sabottka‹ wird ein international agierender Konzertveranstalter vorgestellt. Darüberhinaus wird das offensichtlich riskante und umkämpfte Geschäft mit der Unterhaltungsmusik beleuchtet. Gemeinsam mit der Text-Autorin Antonia Schaefer begleitete Julia Steinigeweg Sabottka unter anderem auf eine Geschäftsreise nach Los Angeles, wo der Manager Kontaktpflege mit den Big Shots der Branche pflegen musste. Die Bilder zeigen einen Manager, der optisch kaum weiter von erwartbaren Business-Mustern sein kann: Kein Anzug, kein Lächeln, kein erkennbarer Charme. Aber zielgerichtete Konzentration, Ruhe und Stärke. Eine ungewöhnliche Persönlichkeit im Rahmen unterschiedlichster Szenerien. Die Fotografin lässt viel Raum. Erst mal dem Hauptdarsteller, aber auch für die Geschichte, die einen Eindruck des ›BigBusiness dahinter‹ vermittelt.

 

Ähnlich aber auch ganz anders bei ›Der Unheilsbringer‹. Es ist die Geschichte eines Mörders, der vor langer Zeit gestorben ist. Aber es leben nicht nur die weiter, die seinem Angriffen entkommen sind, sondern auch die, die durch den Tod der Ermordeten Betroffenen sind. Die Geschichte des ›Göhrde-Mörders‹ für ›Stern-Crime‹ wird mit Szenen und Porträts erzählt und gewinnt dadurch zeitliche Nähe zu Verbrechen, die vor mehr als 50 Jahren begangen wurden.
Der bildnerische Erzählstil der Porträts ist ruhig und durch weiche Lichtakzente warmherzig und nähestiftend. Der illustrierende Aufmacher eines mit dramatisch rotem Streiflicht beleuchtetem Fichtendickicht setzt da einen ›gemachten‹ Gegenpol. Der Betrachter wird mit diesem bewussten Einsatz des Lichtes in die Geschichte geführt – die Fotografin wird damit zur Bildautorin und nimmt die Fantasie bewusst an die Hand. Auch die digitale Bearbeitung des Bildes eines Wohnhauses, in dem der Mörder seinerzeit lebte, spielt mit der entsättigten Farbe als Sprachmittel.
Julia Steinigeweg spielt die Möglichkeiten der Farb- und Lichtgestaltung im Sinne einer zu erzählenden Geschichte aus. In beiden Reportagen kann man nicht nur den Text sondern auch in den Bildern lesen. ›Bevor ich eine Reportage angehe, recherchiere ich intensiv in unterschiedlichsten Quellen‹. Das Bild des rasenden Reporters, der schlicht intuitiv durch Instinkt im richtigen Moment am richtigen Ort auf den Auslöser drückt …? Für Julia Steinigeweg gilt diese Legende nicht. Sie erarbeit sich sorgfältig den zu berichtenden Inhalt und geht sehr vorbereitet an ihre Arbeit. Hier schimmert wohl auch ihre Liebe und fachliche Kompetenz in Sachen Literatur durch, indem sie ihre Geschichte als kreative Autorin ausbreitet.