Makrofotografie der besonderen Art

… oder: Wie ist denn so ein Bild entstanden? … wie kann das funktionieren?

AUTOR  // MICHAEL BRAUNS

Bilder sprechen mich über sehr unterschiedliche Elemente an, Farben, Formen, Motive … Sie erzählen Geschichten, regen zum Nachdenken an. Über die inhaltliche Aussage hinaus stelle ich mir aber auch oft die Frage, wie der Fotograf Stilmittel eingesetzt hat, um die gewünschte Aussage zu erreichen. In vielen Aufnahmebereichen sind das Lichtsetzung, Linienführung oder Perspektive auf das Motiv. In dem Fall, den ich hier beschreiben möchte, war es eine Nahaufnahme, die mein besonderes Interesse geweckt hat. Abgebildet war eine Reihe kleiner Pilze auf dem Waldboden, die in unterschiedlichem Abstand zur Kamera standen. Alle scharf! Links und rechts, davor und dahinter ein schöner weicher (Un-)Schärfeverlauf. Abbildungsmaßstab war geschätzt 1:2.

Mein erster Gedanke war: Es wurde eine große Anzahl Bilder mit unterschiedlichen Fokusebenen aufgenommen, die dann per Fokus-Stacking verrechnet wurden. Die Unschärfe abseits der Pilzreihe dann wieder per Lightroom / Photoshop künstlich realisiert. Dagegen sprach, dass bei genauem Hinsehen auch auf der Pilzreihe ein minimaler Schärfeverlauf zu entdecken war, den man beim Fokus-Stacking nicht gehabt hätte.

Challange accepted!
Aus meinen Erfahrungen mit verschiedenen Tilt-/Shift-Objektiven kannte ich diesen Effekt, der auf einer nicht parallel zur Bildebenen verlaufenden Schärfeebene beruht. Aber als Nahaufnahme mit einem Makroobjektiv? Die Tilt-/Shift Objektive, die ich bislang an meiner Pentax hatte, hätten diese Vergrößerung bzw. den geringen Abstand zum Motiv nicht erlaubt. Mit einer Großformatkamera käme man aufgrund der Bauform, der schieren Größe der Kamera, nicht so bodennah an ein Motiv heran. Es muss also noch eine andere Lösung geben, die Abbildungsmaßstab, Tilt-/Shift-Fähigkeit und praktikable Bauform miteinander verbindet. Und es gibt diese Lösung: Makrobalgen mit Verstelloptionen wie z. B. dem Novoflex BALPRO T/S.

Das BALPRO T/S ist die Weiterentwicklung des klassischen Balgengerätes. Es erlaubt neben der Verschiebung der vorderen Objektiv- und der hinteren Kamera-Standarte auf der optischen Achse auch ein horizontales Shiften beider Standarten. Bis zu 11 mm kann jede Standarte nach links oder rechts verschoben werden. Die Verstellung erfolgt feinfühlig über Gewindetriebe an den Einstellschlitten. Zusätzlich zu der horizontalen Verschiebung können beide Standarten auch noch horizontal gedreht werden (Tilt). Insgesamt ist dieses Balgengerät in der gewohnt hochwertigen Verarbeitung von Novoflex ausgeführt. Alle Bedienelemente laufen mechanisch feinfühlig und erlauben präzise Einstellungen.

Bei den zwei Bildern rechts kann man erkennen, wie man mit Tiefenschärfe und Lage der Schärfeebene Bildinhalte mit dem Novoflex BALPRO T/S betonen kann. Die Regel für dieses optische Phänomen heisst im Deutschen etwas mißverständlich ›Schärfendehnung nach Scheimpflug‹. Sie besagt, dass sich die Bild-, die Objektiv- und die Objektebene in einer Achse schneiden müssen, damit die Schärfeebene auch gekippt (Tilt-Effect) verlaufen kann. Dabei wird allerdings der Schärfenbereich nicht gedehnt sondern verläuft einfach nur auf einer schrägen Ebene. (wer es genau wissen will > Wikipedia)

Als zusätzliche Shift-Option ist der „PROshift+“-Adapter für Kleinbildkameras erhältlich. Er erlaubt auch das Verschieben der Kamera in vertikaler Richtung. Auch hier ist wieder eine Vielzahl kameraspezifischer Anschlüsse verfügbar; aufgrund der Abmessungen sowie der Ausleuchtung durch das Objektiv allerdings eben nur noch für das Kleinbild-Format. Die K-1 oder die KP lassen sich hier prima einsetzen. Der Verstellweg des Adapters beträgt +/-12 mm. Mit dieser Option lassen sich nun Bilder aus mehreren Einzelfotos zusammensetzen, ohne Parallaxenfehler oder Fokusverschiebungen. Das Verfahren ist hier genau so wie auch schon beim ›Großformat-Stitching‹ beschrieben.

Als weiteres Bildbeispiel ein kleiner Zug zwischen Bahnhofsgebäude und einem Baum. Die Schärfeebene liegt auf der zur Kamera zugewandten Seite des Zuges. Das Bahnhofsgebäude daneben ist ebenso wie der Baum nicht mehr im Schärfebereich. Dieses Bild ist aus vier Einzelaufnahmen mit der K-1 entstanden und über Lightroom entwickelt worden. Bitte auf das Bild klicken, dann öffnet sich ein Viewer mit dem man in das Bild in voller Qualität untersuchen kann. Diese Web-Darstellung ist mit „krpano“ erstellt worden.

Jetzt noch mal in genauer ›Popkocher-Manier‹ den Aufbau ganz genau: Das erste Bild entstand ohne Verstellungen der Ebenen: Die Schärfe verläuft parallel zur Bildebene und ist gestalterisch natürlich unattraktiv. Im zweiten Bild habe ich die Objektivebene verstellt und habe schon weitestgehend die Lok in einem schräg zur Bildebene verlaufenden Bereich scharf gestellt. Aber erst im dritten Bild erreiche ich meine gewünschte Wirkung: Durch die Verstellung der hinteren Standarte nimmt die Kamera einen Winkel zum Objekt ein, der minimal frontaler kommt, obwohl der Standpunkt im Grunde gleich bleibt. Ich rücke quasi ein wenig näher nach links an das Gleis, als würde ich die Lok etwas mehr von frontal fotografieren. Damit wird die perspektivische Verjüngung und damit die Dynamik des Motivs etwas – wenn auch mit dem leichten Tele nur dezent erkennbar – betont. Dass ich diese Wirkung nur minimal einsetze hat damit zu tun, dass ,wenn man das Auge zu sehr betrügt, das Bild unbewusst als falsch empfunden wird.

Bisher noch gar nicht erwähnt habe ich das Objektiv, das für diese Aufnahmen verwendet wurde: Es ist ein Schneider APO-Digitar 4,5 / 90mm, das ebenfalls von Novoflex für das BALPRO-Balgengerät angeboten wird. Die Abbildungsleistung dieses Objektivs war in meinen Versuchen hervorragend. Aufgrund dieser besonderen Qualität hatte ich mich entschieden, die Aufnahme vom Bahnhof im Stitching-Verfahren zu machen, um darzustellen, dass das Objektiv auch bei ca. 100 MP großen Daten noch hervorragende Schärfe darstellt.

Mit Kleinbildkameras wie der K-1 oder KP lässt sich mit diesem Objektiv bis auf unendlich scharf stellen. Damit macht der Ballpro T/S aus diesen Kameras quasi Großformatkameras. Die Standarten sind dann allerdings so dicht zusammengefahren, das die Tilt-/Shift-Bereiche eingeschränkt sind. Mit der PENTAX 645Z kann mit diesem Objektiv nicht mehr auf unendlich scharf gestellt werden – im Mittelformatbereich ist der Balgen also reinweg ein Makro-Werkzeug. Die primäre Anwendung der Kombination BALPRO T/S + 90mm-Objektiv ist aber auch nicht die Architektur- oder Landschafts-Fotografie, sondern der Nah- oder Makro-Bereich. Und hier macht dieses Balgengerät richtig Spass und ermöglicht ungewöhnliche, spannende Bilder.