»Mal sehen, was ich nicht sehen kann …«

// MEHMET ERGÜN  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Die ersten Schritte eines Menschen auf dem Mond liegen mehr als 50 Jahre zurück. Die Bilder kennt jeder. Der Mond, der ja bekanntlich ein silbriges Licht auf die Erde wirft, ist grau. Betongrau.

Die ersten Ausflüge ›in die unendliche Weiten des Weltraumes‹ habe ich mit einem silbergrauen Raumschiff im tiefschwarzen All zwischen blinkenden weißen Sternen gemacht. Am Fernseher. Und in meiner kindlichen Fantasie.

Wenn ich in sternklaren Nächten den romantischen Anwandlungen meiner Frau folge, den Kopf in den Nacken strecke und den ›großen Wagen‹ suche, sehe ich viele weiße Lichtpunkte vor dunklem Schwarz.

Das Weltall ist finster und das wenige, was darin zu erkennen ist, ist weißes Licht. Um unseren blauen Planeten scheint alles Schwarz/Weiß zu sein.

Vor einigen Jahren soll der Mars besonders gut erkennbar gewesen sein. Dazu stand in der Zeitung: »Aus den vielen hellen Sternen sticht ein roter Stern hervor.« ›Mmmmh …‹ dachte ich: ›… als ehemals-Hamburger kenne ich rotes Licht ganz anders. Das Funkeln des Mars war etwas wärmer als die anderen Sterne, meinetwegen altrosa, … rot sieht eigentlich anders aus …‹ Aber immerhin dämmerte mir, dass das, was ich mit bloßem Auge sehe, nicht der außerirdischen Wirklichkeit entspricht. Da draußen gibt es Farbe … nicht viel, aber immerhin.

Als ich vor einiger Zeit die ersten Gespräche zu diesem Thema mit dem Astrofotografen Mehmet Ergrün hatte, war dass Thema ›Farbe‹ auch schnell präsent: Schon bei seinen ersten Teleskop-Erfahrungen, die Mehmet vor langer Zeit gemacht hat, kam ihm eine Gänsehaut, weil bei genauerem Hinsehen alle erdenklichen Farben im Weltall zu sehen sind. Nicht nur das Hilfsmittel Objektiv/Teleskop erweitert unsere Seh-Erfahrung … die Kamera kann Phänomene und Objekte sichtbar machen, die wir natürlicherweise gar nicht erkennen können. Denn im Grenzbereich der menschlichen Wahrnehmung – in der Dunkelheit – sind nur noch SW-Rezeptoren im Auge aktiv. Die farbtauglichen Rezeptoren quittieren schon in der Dämmerung ihren Dienst. Daher sehen wir den Nachthimmel nur in S/W … aber mit optischen Hilfsmitteln können wir unsere Erfahrungen erweitern und auch für andere erfahrbar machen. »Beim Teilen wächst die Freude an der Erfahrung mit …«

Mehmet Ergrün kam zu dem sehr besonderen Bereich der Fotografie, weil er in einer sehr hektischen Zeit seines Lebens ein großes Bedürfnis nach Ruhe hatte. Und da erinnerte er sich an einen Kindheitstraum und kaufte sich erst ein Teleskop, dann ein weiteres (und besseres), dann eine Kamera für dieses Teleskop und …. (ich gehe mal davon aus, dass die meisten Leser dieses Blogs Fotografen sind und daher den weiteren Verlauf dieser Geschichte kennen :- )

Und eine der Kameras, die er für seine Arbeit regelmäßig zur Hand nimmt ist halt’ eine PENTAX K-1 II, die mit dem eingebauten Astrotracer quasi eine Einstiegsdroge in diesem Bereich ist: Diese Kamera benutzt er – wie auch sein Kollege > Matt Aust – für ein besonderes Genre der Astrofotografie: Die Milchstraßen-Fotografie.

Die Milchstraßen-Fotografie ist der Übergang der Landschaftsfotografie zur Astrofotografie und kombinierte diese beiden Bereiche. Auch im technischen Sinne: Während trotz langer Belichtung für die punktscharfe Abbildung des Sternenhimmels der Sensor per Astro-Tracer die Erdrotation ausgleicht, muss in einer zweiten Aufnahme die Landschaft ohne Sensorbewegung langzeitbelichtet werden … diese beiden Aufnahmen werden später in der Nachbearbeitung kombiniert. Kein großer Akt, aber nur so sind beide ›Welten‹ scharf abzubilden. Hier ist auch viel gestalterische Sorgfalt und Erfahrung gefragt, da man sich schon im Vorherein bewusst machen muss, wie die Landschaft und der Himmel miteinander harmonieren, um später ein spannendes Ganzes zu ergeben. Und hier ist Mehmet Ergrün auch streng – da wird nicht irgendein schöner Himmel mit einer Landschaft zusammengebastelt. Bis auf den Trick des Rotationsausgleichs gehören die beiden Motive so zusammen. Soviel Ehrgeiz und Berufsehre muss sein …

Ein anderes Genre der Astro-Fotografie ist die Deepsky-Fotografie. Salopp ausgedrückt ist das quasi ›ein Vordringen in unbekannte Welten‹ … stimmt so allerdings nicht ganz. Denn Mehmet Ergrün setzt sich intensiv mit Astronomie auseinander und weiß genau, was er fotografieren will. Manche besonderen Phänomene wie z. B. den Merkur-Transit (der Planet Merkur ist für kurze Zeit vor der Sonne zu sehen) plant er lange voraus und setzt sich auch schon mal in den Flieger nach La Palma (Kanaren), um möglichst ideale Ausgangsvoraussetzungen für seine Fotografie zu haben.

Dass diese Art des Entdecken viel Wissen benötigt, erkennt man auch an seiner > Site: Seine Bildbeschreibungen lassen erkennen, dass er sich am Firmament gut auskennt.

Während es bei der Deepsky-Fotografie um Ansammlungen von Sternen, also Wolken, Galaxien und dergleichen geht, gibt es noch den Bereich ›Sonne / Planeten / Monde‹ … das kann man als getrennte Bereiche sehen aber hier fassen wir das mal zusammen: Dieser Bereich benötigt eher Teleskope als Objektive und führt vor Augen, wie unterschiedlich die kleinen Flecken sind, die wir da so am Nachthimmel sehen … eine Ausnahme und ein sehr dankbares Objekt für den Anfang  einer Astro-Fotografen-Karriere ist der Erdtrabant, unser Mond. Der ist schon mit einfacher Ausrüstung faszinierend festzuhalten.

Mehmet Ergün betrachtet seine Arbeit als Wissenschaft und Kunst. Das ist kein Widerspruch. Neugierig auf die Welt zu sein und seine Erkenntnisse teilen ist auf beiden Gebieten Pflicht.

Aber auf die Frage nach den Sternzeichen seiner Kinder, musste er erst überlegen und zur Astrologie kam nur eine kurze Antwort: »… eher Schwachsinn.«

 

Mehr von Mehmet Ergün auf seiner Website: > www.mehmet-erguen.com