… ad absurdum?
… wohin führt das? … wo kommt das her?

Viele künstlerische Arbeiten beginnen ganz tief drinnen. Dabei ist es eher eine laienhafte Vorstellung, dass das immer eine Idee ist. Nicht im Sinne von »Heureka!« … und dann brauch’ die Arbeit nur noch fix ausgeführt und an die Wand gehängt zu werden. Mehr im Sinne einer Frage.

Pati Grabowicz’ Augen haben die merkwürdige Eigenschaft an Bildern gerne dann hängenzubleiben, wenn die Motive irgendwie befremdend sind. Irgendwie anders …
Nur anders als was? … was ist ›anders‹? Das, was man nicht dauernd sieht und kennt? … nicht normal? … nicht einer Norm entsprechend?

Der Wunsch Motive mal ›ganz anders zu sehen‹ scheint mir merkwürdigerweise besonders von Fotografen auszugehen. Ausgelatschte Destinationen wie meinetwegen ›Island‹ mal ganz anders zu sehen? … da muss ich schon kurz innehalten, um nicht zynisch zu werden. Aber diese merkwürdige Attitüde ist Pati Grabowicz fremd. Aus einem verblüffenden Grund. Sie sieht sich gar nicht als Fotografin. Jedenfalls nicht, als Sie sich diese Frage gestellt hat. Da hat sie nur überlegt, woher diese Anziehungskraft bestimmter Bilder kommt und wie man das ergründen kann. Denn Sie hat Visuelle Kommunikation studiert und auf diesem Feld ist Fotografie eine von mehreren Möglichkeiten. Sie hat diese Frage als Forschungsarbeit gesehen und Fotografie als Mittel gewählt. Und da sie im Ruhrgebiet geboren ist und auch heute als Baslerin urban lebt, hat sie sich dem naheliegendsten Betrachtungsgegenstand zugewandt, der sich um sie herum ausbreitet: Die Straße. Das ist der Raum, den alle kennen, wo wir oft sind, unser Biotop, wenn wir denn artgerecht leben: Da ist Normal. 

Und als Überlegung und These lag ihrer Suche zugrunde: Wo Normal ist, ist vermutlich auch das Gegenteil zu finden … also zog sie los das Absurde auf der Straße zu finden. Dass sie da derzeit in einem Teich fischt, der just von Vielen als Jagdgebiet genutzt wird, machte es für sie eher spannend als schwierig. Denn ihr Ausgangspunkt war ja nicht Ruhm und Ehre als Künstlerin (als die sie sich erstaunlicherweise gar nicht sieht) zu ernten, sondern mal herauszufinden, was denn das ›Eyecatching-Wesen‹ von Bildern so ausmacht. Und da es eine Bachelor-Arbeit geworden ist, die sich ja als quasi wissenschaftliche Übungsarbeit sieht, nennen wir das mal ›Die Anthologie des Eyecatchings‹ … (hab’ ich jetzt mal so genannt, denn die Herangehensweise war so wunderbar sachlich, wissenschaftlich, was mir an der Arbeit so gefällt)

Betrachtet man also diese Vorgehensweise dann untersucht diese Arbeit die Wirkung von Fotografie. Und da ist Pati sehr analytisch vorgegangen: Wo liegen die Unterschiede von Fotografie und dem menschlichen Sehen? … Wie wirkt ein Bild, wenn unabhängige Szenen in einem Bild unfreiwillig zusammengefasst werden? …
Sie hat das Momenthafte der Fotografie, den besonderen Augenblick, untersucht und aus Serien endgültige Einzelbilder gepickt: also ganz klassisch dem Fließen des Sehens das Innehalten des Bildes abgetrotzt.
Und dieses, was auch gerne ›Einfrieren‹ genannt wird, hat sie sogar noch gesteigert: Mit einem Blitz, der durch seine extrem kurze Abbrennzeit und besondere Beleuchtung das Verfremdende, Inszenierende der Fotografie deutlich macht: Mini-Bühnen, wie mit dem Förmchen aus dem großen Umgebungsteig herausgestochen; ein Mittel mit sehr verdeutlichender Wirkung.

Ein weiteres Mittel der Untersuchung war der Standpunkt: Sind unsere Augen beim Gehen durchschnittlich zwischen 140 und 175 cm über dem Erdboden, hat sie die Mobilität ihrer Kamera (RICOH GR) genutzt und ›ihre Augen‹ aus neuen Perspektiven schauen lassen. Dabei hat sie den Objektiv-bedingten Blickwinkel eher im menschlichen Normal belassen: Mit den 28 mm Objektiv (KB-äquivalent) entspricht die Kamera unserer menschlichen Sehweise (wenn man berücksichtigt, dass wir 2 Augen nutzen, die immer etwas in Bewegung sind).

Verkürzt zusammengefasst: Situation, Moment, Licht und Perspektive hat Pati Grabowicz immer wieder hinterfragt und das an vielen Orten und teils in besonderen, teils in gewöhnlichen Situationen getestet. Herausgekommen ist, dass durch genau diese Eingriffe Bilder entstehen, die Absurdität darstellen: Nicht zwingend, weil Situationen absurd sind und schlicht als solche dokumentiert wurden, sondern, weil die gestalterische Absicht der Künstlerin die Mittel der Fotografie nutzt, um diese Aussagen zu formulieren.
Und an dieser Stelle entstand die Frage der Vorhersehbarkeit. Die große Frage nach der Intuition. Und die Frage, dass nicht nur das Wollen, sondern auch das Können in der Kunst eine Rolle spielt. Also die Absicht bis in das Auge des Betrachters zu retten. Pati Grabowicz sagt dazu schlicht, ›dass Sie das Bild schon kommen sieht‹. Und da sie neben der Fotografie auch schon lange zeichnet, also Bildvorstellungen im Kopf realisieren kann, sie aber umgekehrt ihre Fantasie immer mit dem Zeichnen in natürlicher Umgebung füttert, ist das Ganze ein sehr komplexer Prozess. Und den zu ergründen wäre vielleicht eine weitere Untersuchung wert … ich bin sehr gespannt.

Mehr von Pati Grabowicz > www.pati.website