// SAMUEL LINTARO HOPF  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

»... und wieder mal Street Photography« wird mancher denken, der den PxP-Blog regelmäßig liest. »Na klar ...« kann ich antworten: »... nicht nur die neue GR III liefert einen Grund – auch der Hype für dieses Genre ist nicht nur offensichtlich, sondern wird auch viel diskutiert.«
Es haben sich Kollektive gebildet, im Juni 2019 gab es das erste deutsche Festival zu dem Thema in Hamburg, Ausstellungen und Bücher werden vorgestellt und obendrauf gibt es auch noch Wettbewerbe dazu wie z. B. die > GR-Challenge. Es wird also nicht nur viel fotografiert – es wird auch viel darüber und miteinander gesprochen. Die Frage, was eigentlich Street Photography ausmacht, ist eines dieser Themen. Logischerweise bin ich da sehr vorsichtig. Mit Definitionen tanzt man auf sehr dünnem Eis ... aber als im Juni 2018 in Hamburg eine sehr umfassende Ausstellung (PxP > [SPACE] STREET. LIFE. PHOTOGRAPHY) mit einem breiten Überblick über die Szene viele Enthusiasten zusammenbrachte gab es nicht nur Zustimmung. Die einen missbilligten digitale Manipulationen, die anderen sahen bestimmte Serien eher als Reportage, wieder andere vermissten Menschen ... offensichtlich gibt es mehr oder weniger unausgesprochene Festlegungen – nur scheinen die teilweise sehr unterschiedlich zu sein. Spannend wird es also, wenn man mal direkt mit einem Streetphotographer darüber sprechen kann ...

Moment mal ...

Den Fotografen Samuel Lintaro Hopf kenne ich schon aus dem Studium in Hamburg: Seine Abschlussarbeit war ein Buch mit einer Reportage über junge ausländische Musik-Studenten an deutschen Konservatorien. Die Porträt-Kompositionen schienen mir damals seiner japanischen Design-Disziplin geschuldet zu sein ... schlicht aber streng. In Japan geboren ist er überwiegend in Deutschland als Sohn einer Japanerin und eines Deutschen aufgewachsen – auf direkte Frage hin ›fühlt er sich aber sehr japanisch‹.

»Reportage war damals für mich das fotografische Ziel ... ich wurde Freelens-Mitglied und orientierte mich in diese Richtung. Aber mir wurde schnell klar, dass das für mich nicht funktionierte: Ich bin kein Autor, ... das Arbeiten nach einem Dokumentationskonzept liegt mir nicht«.

Zur Street Photography kam er durch's – etwas überraschend – Skaten. Als Jugendlicher war er in dieser Disziplin sehr erfolgreich, musste aber eine echte Karriere in diesem Sport verletzungsbedingt aufgeben.  Der Lifestyle, die Freiheit, die latente Nähe zum Illegalen bzw. das Erweitern von Grenzen (um es positiv zu betiteln) sowie das Ausprobieren und Lernen geben dem Skaten die starke Anziehungskraft, die Lintaro gereizt hat. Als er auf dem Board dieses Risiko nicht mehr eingehen durfte, fand er in der Schnappschussfotografie auf der Straße einen ähnlichen Spirit ... das Schnelle, Intuitive, das ›Sich-treiben-lassen‹ dieser Art zu fotografieren macht für Lintaro seine Fotografie auf der Straße aus ...

Aber dieser Style ist ja eher nur die Form, die Herangehensweise ... so ohne Inhalt verbrauchen sich Effekte und Gewohnheiten und verkommen zu fotografischen Reflexen, bleiben im Mainstream: Dann schwimmen die Bilder im endlosen Strom der coolen Bilder, die nix über ihre Macher erzählen, außer, dass sie gerne cool sein wollen. ›Wo ist also Deine Geschichte?‹ ist immer eine Frage an die Bilder, die ich von Fotografen vorgelegt bekomme. Und: ›Was hat die Geschichte mit Dir zu tun?‹.

Da Lintaro mir eine Zusammenstellung von Bildern geliefert hat, die räumlich und zeitlich einen gewaltigen Bogen spannt, waren da unterschiedliche Ansätze ... es war Verschiedenes dabei: vom humorigen Alltags-Surrealismus bis zu den gemeißelten Kompositionen, in denen die menschliche Verlorenheit großes Tennis spielt.

Erstaunlicherweise fielen aber die unauffälligen Bilder auf. Schon in einem ersten Gespräch bei einer Zugfahrt im Frühjahr 2019 erzählte Lintaro, dass ihn die ›normalen Momente‹ besonders anziehen. Im belanglosen Fluss der Zeit auf der Straße drückt der Fotograf kurz auf die Pause-Taste und macht ein minimales Innehalten zu einem Moment. Diese Formulierung mit der ›Pause-Taste‹ wähle ich, weil ich weiß, dass Lintaro auch sehr viele Filme macht. Der Kontrast des bewegten und stillen Bildes ist für ihn also ein Teil seiner täglichen Arbeit zwischen Fotografie und Film. Und die Konzentration auf das Innehalten ein bewusstes Statement zur Fotografie. Hier geht es nicht um die eingefrorene Aktion, die verblüffenden Spontan-Kompositionen durch Schatten, Formen und Farben oder um den kurzen Rausch im Gegenlicht. Es geht um die minimale Innigkeit eines kurzen Blickes, den man miteinander tauscht – und um das kurze Seufzen, wenn man im Alltag zur Ruhe kommt; die Sehnsucht, weil man sich schnell mal weggeräumt oder die Konzentration auf etwas Ablenkendes ... es geht um den mitmenschlichen Blick auf unsere direkte, nahe Umgebung. Auch, wenn diese Umgebung bei diesen Bildern von Samuel Lintaro Hopf mal in Groß Britannien, Japan, Kanada oder Deutschland ist. 

Hier kommt natürlich der Verdacht auf, dass ein Fotograf, der zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen ist, für den Globalität etwas Normales ist, im Urmenschlichen, das uns alle verbindet, ein Zuhause sieht. Das Verstehen von Menschen als Heimat ... hier lassen Bilder ein wenig hinter das Lächeln eines Fotografen schauen und werden zu seinem ganz besonderen Thema.

Mehr von Samuel Lintaro Hopf gibt es auf seiner website:

> lintaro.de

und auch sehr spannend: Lintaro begleitet Streetphotographer-Kollegen gerne mit der THETA und macht dazu Video-Reportagen. 

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