Im Jahr 2018 steht die Photokina, die Weltmesse der Fotografie in Köln, für RICOH Imaging unter einem Arbeitstitel, der ausdrücken soll, woran die Kamera-Entwickler gedacht haben, als sie die Neuentwicklungen aus der Taufe gehoben haben: ›The Street is Ours‹. Natürlich gibt ein Hersteller die Nutzung seiner Geräte nicht vor – wäre ja Unsinn die Möglichkeiten, die in jeder Kamera stecken, einzuschränken. Aber selbstverständlich müssen diese Ingenieure den Zeitgeist vorausahnen, um mit passenden Produkten auf dem Markt den Nerv der Fotografen zu treffen. Daher ist es für uns wie eine stille Bestätigung, wenn eines der weltweit führenden Ausstellungshäuser für Photographie, das ›Haus der Fotografie› in den Hamburger Deichtorhallen, eine Ausstellung präsentiert, die genau in unserem Sinne ist:

›Die Straße ist die Basis …‹

Peter Funch  |  Exigent State, aus der Serie: Babel Tales  |  2007
Copyright © Courtesy of Peter Funch and V1 Gallery

// diverse Fotografen  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Gelegentlich gibt es Ausstellungsbesuche, die beflügeln, begeistern und die das Gefühl vermitteln, dass man – Vorsicht: jetzt werde ich pathetisch: am ›Nektar der Erkenntnis geschleckt hat‹. So geschehen, als ich vor einigen Wochen zur Eröffnung und am Folgetag die aktuelle Street-Photography-Ausstellung im Haus der Photographie in Hamburg besucht habe. Wow … die Welt der Straßenfotografie ist groß, schillernd und so umfassend wie das Leben, das auf der Straße stattfindet. Von wild bis still, von leuchtend bis finster: alles da. Aber dann erinnerte ich einen Ausspruch der Kuratorin Dr. Sabine Schnakenberg in der Eröffnungsrede: »Catier-Bresson fällt aus … ich mache keinen historischen Abriss der Street Photography seit 1839 …«. An dieses Genre der Fotografie scheinen also schon Definitionen geknüpft zu sein, die man kennen sollte? Mir dämmern da so Begriffe wie ›der entscheidende Augenblick‹ (den Henri Catier-Bresson meisterhaft eingefangen hat), der ›Flaneur‹ (der ziellos umherstreift und seinen Gedanken nachhängt und in eher zufälligen Impressionen festhält) und ein Satz, den ich gelegentlich im Zusammenhang mit dieser Fotografie gehört habe: ›Die Wahrheit liegt auf der Straße‹. Und natürlich kann man Straßenfotografie nur im Kleinbildformat mit einer Leica fotografieren. Alles andere wäre doch Stilbruch, oder?

… nee, nee: Jetzt kommt Frau Schnakenberg mit [SPACE] STREET. LIFE. PHOTOGRAPHY … einer Ausstellung, die keineswegs einfach alte Zöpfe kappen will, nur um aufzufallen:

Hier hat eine Kuratorin sehr klug und mit dem professionellen Gespür für Zeitgeist eine Ausstellung entworfen, die für ein breites Publikum viel Wert bereithält – nicht nur für die enthusiastischen Betrachter, die schon so einiges gesehen haben. Jeder, der sich unvoreingenommen einlässt,wird klar und spannend an ein lebendiges, wichtiges und hochaktuelles Thema herangeführt, das unter Fotografen als Genre ›Street Photography‹ bekannt ist.

Diese Bilderschau ist für sich schon absolut sehenswert – richtig großartig wird es aber, wenn man den Zusammenhang kennt: Die Ausstellung findet im Rahmen der ›7. Triennale der Photographe Hamburg 2018‹ statt. Das Gesamtthema dieses Foto-Festivals lautet ›Breaking Point.‹ und dreht sich um die gesellschaftlichen Umbrüche, die wir aktuell erleben und sieht die Fotografie als mächtiges Instrument diese Botschaft zu vermitteln. Die einzelnen Ausstellungen in diversen Hamburger Museen und Galerien sowie in Containern, die extra dafür an verschiedenen Orten im Stadtraum aufgestellt wurden, sind mit Begriffen der Computertastatur betitelt: [enter], [home], [shift], [control], [return], [delete], [escape]. Und dann natürlich [space]. (In Langform heisst der Ausstellungstitel auch: [SPACE] über Urbanismus, Entfremdung, Anonymität und Straßenleben)

Ahn Jun  |  Self-Portrait  |  2011
Copyright © Jun Ahn / Courtesy of Christophe Guye Galerie

Für Sabine Schnakenberg ist der Raum ›Straße‹ die Basis für die Sichtbarkeit von gesellschaftlichem Befinden. Denn hier passiert das Leben und somit dessen Entwicklung, hier finden die Umbrüche in der Gemeinschaft statt. Axel Schön, einer der ausstellenden Fotografen formuliert es folgendermaßen: »Für mich ist Straßenfotografie der Blick in den Seelenzustand unserer bzw. der Gesellschaft, in der ich mich zeitlich und räumlich gerade befinde. Die Menschen darin sind die Protagonisten und – zugegeben unfreiwilligen – Darsteller im hoffentlich analytischen und präzisen Blick des Fotografen, der nicht zuletzt auch die Rolle eines Chronisten erfüllt.« (Axel Schön → PxP)

Und dieser Blick ist nicht nur distanziert-beobachtend. Der Fotograf wartet auch nicht immer auf den einen, alles entscheidenden Augenblick und fotografiert mit dem diskreten Klick einer kleinen, unauffälligen Kamera. Heute setzen Künstler ihre Ideen anders um: Es wird nicht nur mit der Kamera inszeniert – auch in das Motiv wird eingegriffen: Sei es durch modellhafte Sujets mit Plastikfiguren oder durch das Arrangieren von Passanten zu ungewöhnlichen Gruppenporträts.

 Martin Roemer  |  Madan Street and Lenin Sarani, Chandni Chowk, Kolkata, India, aus der Serie: Metropolis  |  2008
Copyright ©  Martin Roemers

Gar nicht so wenige Bilder sind mit Großformatkameras vom Stativ entstanden (Martin Roemers). Und – hallo: Hier wird geshoppt! Bei einigen Arbeiten ist massive Manipultaion mit Photoshop am Werk. (Siehe ganz oben: Peter Funch). Das mag einige irritieren, die bisher ein anderes Bild von Straßenfotografie im Kopf hatten.

Ein weiterer besonderer Reiz der Ausstellung beruht auf einer kleinen Unterzeile bei der Titelbeschreibung: ›Street Photography aus sieben Jahrzehnten‹. Es gibt also auch die großen Klassiker Robert Frank, Diane Arbus, Lisette Model und viele andere große, bekannte Namen der Nachkriegsfotografie zu sehen. Denn logischerweise ist ein gesellschaftlicher Umbruch leichter erkennbar, wenn man mehr als das gerade aktuelle Zeitgeschehen erleben kann: Die Wissenschaftlerin, denn das sind Kunsthistoriker ja schlussendlich, muss zur Vermittlung von Themen die Sicht aus verschiedenen Perspektiven ansetzen: Nicht nur die vielen verschiedenen Blickwinkel der zeitgenössischen Fotografen sind da gefragt. Sabine Schnakenberg ist Kuratorin der Sammlung F. C. Gundlach und nutzt sehr geschickt die Vermischung und Konfrontation von bekannten historischen und unbekannten zeitgenössischen Positionen: Da hängen ganz unschuldig Stephen Shores ›Beverly Boulevard and La Brea Avenue, Los Angeles, California‹ von 1975, ein viel gesehener Klassiker, neben Langzeitsbelichtungsexperimenten ›Nachtfahrt Buxtehude, Stadtring, 7 Minuten‹ aus dem Jahr 2015 von Michael Järnecke, einem damit verglichen eher unbekannten Fotografen.

Und das Schöne: alle Arbeiten entwickeln eine große Qualität und keiner sticht den anderen aus. In dieser Schau agieren die BigShots der Szene gleichberechtigt neben eher unbekannten Fotografen, um mithilfe der Fotografie zu zeigen, was da um uns herum passiert. Die unterschiedlichen Positionen stehen gleichberechtigt nebeneinander: Ob diskret beobachtet, wie bei Andrew Buurman, aggressiv eingefordert von Dougie Wallace oder schwindelerregend inszeniert von Ahn Jun.

Und jedem Fotografen wird dabei auch verblüffend viel Raum gegeben. Die Bildwolken oder Reihen wirken immer wie vollständige Sätze: Nie habe ich den Gedanken gehabt, dass die Anzahl der gezeigten Bilder knapp bemessen ist, weil der Platz fehlt. Jede gezeigte Serie scheint sehr gut repräsentiert zu sein. Denn logischerweise steht hier nicht der Anspruch im Raum 52 Fotografen jeweils vollständig vorstellen zu wollen. Die Ausstellung bleibt immer am Gesamt-Thema.

 Andrew Buurman  |  Untitled, aus der Serie: Behold  | 2009-2011
Copyright © Andrew Buurman

Und dieses Thema wird auch klar strukturiert: Die Überschriften der verschiedenen Raumfluchten oder der Haupthalle schaffen einerseits eine Begleitung – andererseits kitzeln sie auch gelegentlich den Widerspruchsgeist. Da gibt es Bilder zu ›Street Life‹, zu ›Crashes‹, ›Public Transfer‹ und vielen anderen Themen. Meist ist die Sortierung vordergründig klar aber gelegentlich denkt man » … ja, ja … so kann man das sehen, aber da sind doch auch noch folgende Aspekte in den Arbeiten« und schon ist man nicht nur passiver Beobachter sondern schlendert mal hierhin, mal dorthin und vergleicht und erlebt mit den Bildern den vielschichtigen Kosmos der Straße.

Ich danke Dr. Sabine Schnakenberg für das Gespräch und den Ausstellungsrundgang am 17.08.2018. Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. Oktober 2018 im Haus der Photographie / Hamburg.
Zur Ausstellung erschien ein sehr sehens- und lesenswerter Katalog im Kehrer-Verlag: ISBN-13: 978-3868288520

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