// TORSTEN SCHUMANN  //  Jan Klose-Brüdern (Text)

Seit etwa zwei Wochen habe ich das Buch ›More Cars, Clothes and Cabbages‹ > peperoni books/Berlin von dem Berliner Fotografen Torsten Schumacher bei mir im Wohnzimmer liegen und – ganz ehrlich: Ich habe es jeden Tag angesehen. Und jedes Mal versuchte ich im Kopf schon mal die ersten Zeilen einer Beschreibung zu formulieren aber irgendwie griff ich verbal immer ein wenig ins Leere.

WER MACHT DENN SOWAS?

Vor einigen Tagen nahm sich mein 25-jähriger Sohn eher nebenbei und unaufgefordert das Buch, weil es halt’ ganz oben auf dem Stapel ins Auge stach. Ich beobachtete seine Reaktionen. Und so langsam dämmerte mir, wie diese Bilder funktionieren: Er schüttelte den Kopf und musste gleichzeitig schmunzeln, er krauste die Stirn und murmelte ›aua‹, er lachte kurz auf und verzog gleich darauf das Gesicht als hätte er auf Bitteres gebissen … die Bilder von Torsten Schumann zeigen Dinge, Menschen und Situationen, um die es so eigentlich gar nicht geht. Sie spielen Rollen in einem unbekannten Stück dessen Plot noch unbekannt ist. Das kann so und anders ausgehen – noch ist nichts klar. Klingt nach Beliebigkeit – ist es aber ganz und gar nicht: Es kommt halt’ auf den Betrachter an, und wie er den Film sehen will oder was ihm sein eigner Kosmos aus Erinnerungen, Gefühlen und Unterbewusstem beim Betrachten der Bilder so antwortet. Wobei das sicher an ›Kunst entsteht im Auge des Betrachters‹ erinnert – und das darf es ja auch …
In diesen Sekunden-Bruchteil-Episoden ist mal das Komische vordergründig, mal das Tragische … oder man sieht etwas, was so gar nicht ist: Dies ist keine Kunstinstallation. Es ist eine Baustelle … oder? …

In jedem Bild steckt eine Geschichte, in jeder Geschichte stecken verschiedene Dimensionen. Mal erkennt man die eine, mal die andere … es kann z. B. die Kompsition der beiläufig gefundenen Dinge sein, die das Auge anmachen, es kann aber auch die Irritation sein, dass da ein Gefangener um Hilfe schreit. Blättert man dieses Buch durch, dann ist das wie ein ungeheuer anregendes Gespräch mit einem sehr belesenen, unterhaltsamen und ganz und gar nicht oberflächlichen Gesprächspartner. Der sich gerne und unterhaltsam über die Absuditäten des Alltäglichen wundern und freuen kann. »Wäre die Wirklichkeit nicht viel interessanter, wenn sie nicht wirklich wäre?« Hier wird visuell gefrotzelt, charmant in die Irre geleitet aber auch: Zelebriert, balanciert, … das Auge mit Komposition geführt und verwöhnt – und die Farbe? Sie sorgt für ›Blue Notes‹, kann das Auge begeistern aber auch quälen …

In unserer täglichen Umgebung sucht Torsten Schumacher nach Antworten auf Fragen, die aus seinem Inneren kommen … Was tun wir Menschen so? … Wohin soll das führen? Ein Roadmovie der irgendwoher kommt und irgendwohin führt …

Die Bilder sind garantierte Zufallsfunde; nicht gebaut, geshoppt, erzwungen oder anderweitig manipuliert. Aber der gefundene Moment wird sehr sorgfältig behandelt und für uns konserviert. Da stimmen die Linien, die Aufteilung der Flächen, die Anschnitte und Proportionen. Mit den fotografischen Zutaten wird feinsinnig umgegangen. Und das macht die Folge der Bilder, das Buch, die ganze Serie so sehenswert. Und wenn auch viele Aufnahmen von sehr flüchtiger Natur sind; Torsten Schumann macht daraus ein Motiv, das Ruhe ausstrahlt und dem Betrachter Zeit lässt, in Ruhe zuzuschauen.

Und wer ist Torsten Schumacher? … trifft man sich mit ihm führt man ein sehr anregendes Gespräch mit einem ›belesenen, unterhaltsamen, ganz und gar nicht oberflächlichen Gesprächspartner.‹ … wer hätt’s gedacht.

Man wird lachen, man wird lernen, man wird sich prächtig unterhalten haben. Torsten Schumacher erzählt nicht von den Preisen, die er gewonnen hat, von den renomierten Ausstellungen, die er bereits im In- und Ausland gehabt hat. Man erfährt auch erst auf Nachfrage, dass das Buch nur zu Stande kam, weil ihn der Verleger Hannes Wanderer daran erinnern musste, dass er sein Angebot ein Buch mit ihm zu machen, sehr, sehr ernst gemeint hatte. Ansonsten müssen sich Verleger eher gegen Fotografen-Anfragn wehren … hier war es umgekehrt, weil Torsten Schumacher die ursprüngliche Zusage einfach nicht ernst genommen hat. Ein bisschen so, wie er die Welt um sich herum auch irgendwie nicht ganz ernst nimmt.

Mehr von Torsten Schumann: torstenschumann.de wo man übrigens das Buch auch direkt kaufen kann, da bei Peperoni Books die Bestände schon fast ausverkauft sind.

Und das Spiel mit dem Ernst des Lebens, das Torsten Schumann in seinen Bildern spielt, und das ganz offensichtlich auch ein wesentlicher Wesenszug von ihm ist, hat sein Verleger in eines der schönsten Vorworte gefasst, die ich seit langem gelesen habe:

»Was macht man, wenn die Brieftasche abhanden kommt? Man ärgert sich. Geld weg. Karten weg. Aber was viel schlimmer ist: Ausweis, Pass, Führerschein. Ärger, Ärger, Ärger. Torsten Schumann hat sich auch geärgert. Aber dann hat er sich einen schwarzen Punkt auf die Nase gemalt, hat biometrische Passbilder anfertigen lassen und ist damit – und mit Punkt auf der Nase – zu den Behörden gegangen, um neue Papiere zu beantragen. Die Sachbearbeiter haben drei mal hingeschaut, die Stirn gerunzelt, dann aber die Bilder zur weiteren Bearbeitung auf die Anträge geklebt und abgeschickt. Torsten Schumann hat jetzt Ausweis, Pass und Führerschein, mit biometrischem Passbild und Punkt auf der Nase. Kurz darauf, Flughafen Istanbul, Passkontolle. Eine türkische Grenzbeamtin kommt ins Grübeln. Sie schaut abwechselnd auf das Passbild und in das Gesicht von Torsten Schumann. Der steht da – ohne Punkt auf der Nase. Die Grenzbeamtin tuschelt mit einer Kollegin und zeigt ihr den Pass. Dann legt sie den Pass auf den Tresen, tippt mit dem Finger mitten auf das Passbild, sieht Torsten Schumann streng an und fragt: ›Was ist das?‹ Torsten Schumann beugt sich vor, tippt seinerseits mitten auf das Passbild und sagt: ›Das ist meine Nase.‹«

Hannes Wanderer, 2016, Vorwort zu ›More Cars, Clothes and Cabbages‹